„Peter Paul Rubens und der Barock des Nordens“ im Diözesanmuseum Paderborn

Ein Griff ans Augenlid Jesu nach der Kreuzabnahme malte Peter Paul Rubens in seinem religiösen Hauptwerk „Beweinung Christi“, um 1612. Zu sehen in der Ausstellung „Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ im Paderborner Diözesanmuseum. Foto: vaduz/wien, liechtenstein, the princely collection

Paderborn – Maria beugt sich über ihren Sohn. Sie schließt sein Augenlid und zieht mit ihrer rechten Hand einen Dorn aus seiner Stirn – liebevoll und empfindsam. Die Bildkomposition von Peter Paul Rubens steigert die gefasste Trauer der Gottesmutter. Der Maler arrangiert eine Figurengruppe um Jesus Christus, die sich zum Betrachter öffnet und zum Innehalten auffordert. Der Gekreuzigte ist leichenblass. Die Qualen des Sterbens werden sichtbar. Blut ist aus Jesus Nase gelaufen. Die Löcher der Nägel sind sichtbar. Im 17. Jahrhundert wirkte das sehr echt. Rubens kennt die Bibelstelle aus dem Johannes-Evangelium, wo von vielen Zeugen die Rede ist und „leinene Tücher“ steht. Joseph von Arimathäa hatte sich von Pilatus den Leichnam Christi erbeten, um Abschied zu nehmen. Rubens malt den Fürsprecher, wie er den Körper Christi mit dem Tuch hält und starr auf den Gekreuzigten blickt. Jede Person im Gemälde „Beweinung Christi“ (1612) nimmt Anteil. Ob mit verweintem Blick zum Himmel, wie die junge Frau am rechten Bildrand, oder mit frömmiger Einkehr, wie die schwarzgekleidete Greisin zu Jesus Füßen. Maria ist in Rubens Bildfindung aktiv. Den Salbungsstein mit den Ähren als eucharistisches Symbol hat der Künstler ins Sujetbild platziert. Auch dies überraschte in Barock-Zeiten.

Das religiöse Hauptwerk Peter Paul Rubens (1577–1640) ist ein Höhepunkt der Ausstellung im Paderborner Diözesanmuseum. Die Ausstellung, die um zwei Monate verschoben wurde, konnte trotz Corona-Pandemie realisiert werden. Das Bistum ist für Museumsdirektor Christoph Stiegemann ein zuverlässiger Partner. 150 Exponate sind in Paderborn zu sehen. Ohne den Impuls der 67 internationalen Leihgeber, die trotz Hygienebeschränkungen ihre Schätze nach Westfalen schickten, wäre „Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ nicht zustande gekommen. Dies betont Stiegemann, dem einmal mehr eine Ausstellung gelungen ist, die bundesweite Beachtung finden wird.

Ein zerstörtes Altargemälde aus dem Paderborner Dom, der im 13. Jahrhundert errichtet wurde, ist der Impuls zu dieser Schau. Eine Luftmine zerriss am 17. Januar 1945 die Altarbilder der Brüder Willemssens, die von 1655 bis 1661 an der Pader lebten, um den Dom mit barocker Kunst zu modernisieren. Fürstbischof Dietrich Adolf von der Recke (1601–1661) beauftragte die flämischen Meister, die im direkten Umfeld von Peter Paul Rubens gearbeitet hatten.

Von der Recke wollte sein Bistum neu ausrichten. 1631 hatte die protestantische Landgrafschaft Hessen-Kassel Ansprüche angemeldet. Im 30-jährigen Krieg war nichts mehr heilig. Nur aufgrund einer Einlassung des französischen Königs beim Friedenskongress 1648 in Münster blieb Paderborn katholisch. Die Hilfe kam aus der Partner-Stadt Le Mans. Die Reliquien des Heiligen Liborius, die 836 aus Le Mans nach Paderborn kamen, durften nicht „protestantisch“ werden. Als Ludwig XIV. sein Ersuchen 1647 unterzeichnete, war der künftige „Sonnenkönig“ erst neun Jahre alt. Sein Schutzbrief ist im Diözesanmuseum ausgestellt.

Für den Erneuerer von der Recke galt fortan „im Thumb große Luft und Zierath geben“, was bedeutete, Weite, Licht und Inventar sollten den Dom profilieren, der noch als mittelalterliche Hallenkirche dastand. Eine Videoprojektion verdeutlicht, wie die Brüder Willemssens aufräumten: Der Lettner, die hohe Schranke zwischen Chor und Langhaus flog raus; der erweiterte Hauptaltar erhielt Figuren; das Gewölbe wurde erneuert; eine italienische Kuppel ließ mehr Licht einfallen; ein Hauptfenster wurde vermauert, um Platz für das Altargemälde von Antonius Willemssens zu schaffen. An anderer Stelle ist ein Gemälde von Hendrick van Steenwijck d. Ä. und Jan Brueghel d. Ä. (Öl auf Holz) zu sehen, das den Innenraum der Kathedrale von Antwerpen 1583 zeigt, auch sie wurde schrittweise barockisiert.

Antwerpen war ein Zentrum der Kunstproduktion. Wegen steigender Konkurrenz in den Südniederlanden zogen viele Künstler aus, um Geld zu verdienen. Der Kupferstich als Reproduktionstechnik machte es möglich, Grafiken anzubieten und in Europa zu verkaufen. Das Bildprogramm einer Antwerpener Werkstatt ließ sich über Handelswege wie dem Hellweg Richtung Dortmund und Soest oder der Brabanter Straße über Köln nach Siegen vertreiben. Und Antwerpen war seit 1608 das Spielfeld Peter Paul Rubens, der vorher antike Vorbilder, Tizian und Veronese in Italien studiert hatte. Der Künstler bereiste als Diplomat nicht nur Spanien. Er war Hofmaler der spanischen Niederlande und hatte zahlreiche Gönner.

Rubens setzte auch in der Vermarktung neue Maßstäbe. Rund 500 Altarbilder hatte seine Werkstatt geschaffen – das bedeutete eines pro Woche. Auch ein Bildprogramm Rubens für den Dom in Münster war 1619 im Gespräch. Da man sich finanziell nicht einigen konnte, blieb die flämische Kunst aus.

Die Ausstellung ist in sechs Kapitel unterteilt. „Auf den Spuren der flämischen Barockmeister“, „Meisterwerke von Rubens’ eigener Hand“... rund 40 Exponate sind dem Künstler und seiner Werkstatt zugeschrieben. Vor allem seine christologischen Ölskizzen – Vorarbeiten für größere Aufträge – lassen erahnen, wie impulsiv und selbstsicher Rubens vorging. „Mein Talent ist aber so beschaffen, das noch kein Auftrag meinen Schaffensmut übertroffen hat...“, schrieb er dem Gesandten William Trumbull 1621.

Ein weiterer Höhepunkt der Schau ist das rekonstruierte Altarbild „Anbetung der Hirten“ von Antonius Willemssens (1625–1691). Zu 60 Prozent besteht es aus den Fragmenten, die Domprobst Joseph Brockmann nach dem Bombenangriff 1945 gerettet hatte. Erst 1983 waren die Überreste in der Domprobstei entdeckt worden. Neu restauriert verstrahlen sie vor einer 3D-Animation des Doms ihre barocke Kraft. Das Christuskind in der „Anbetung der Hirten“ ist ruhig, wie ein Baby, ganz bei sich – hinreißend ist das und kein heiliger Pomp. Den Aufbau des Hochaltars hatte Ludovicus Willemssens entworfen, der im 2. Weltkrieg aber vollständig verloren ging.

Selbst im rekonstruierten Bild lassen sich die Merkmale des flämischen Barocks erkennen. Die plastisch-bewegte Figurenauffassung wird deutlich, wenn zwei Hirten aus ihrer Welt hervortreten. Die gefühlsmäßige Durchdringung der Figuren ist spürbar, wenn Maria die Füßchen des Kindes umfasst und Jesus den Interessenten zuneigt. Josef steht stolz dahinter und schaut auf seinen Sohn. Dass eine Magd zu sehen ist, die mit einem Eierkorb zum Christus Kind geeilt ist, erinnert an den erzählerischen Reichtum flämischer Bildfindungen.

Die visuelle Komposition und die Eier-Frau gehen auf ein Peter Paul Rubens’ Gemälde von 1615 zurück. Rubens variierte das religiöse Sujet. In seiner Nachfolge ließen sich Künstler wie Antonius Willemssens inspirieren. Auch Lucas Vorstermans Kupferstich (1620) orieniert sich daran.

Die Ausstellung schafft solche Bezüge, um Rubens’ Wirkmächtigkeit zu belegen. Das ist spannend zu verfolgen und mitunter amüsant. Beispielsweise geht die Tonskulptur von Artus Quellinus d. Ä. (1609–1668) „Samson und Delila“ (um 1640) auf Rubens Gemälde von 1609 zurück. Samson wird muskulös und physisch überhöht, während Delila ihm filigran die Haarlocken schneidet und ihm die Kraft nimmt, gegen die Philister zu bestehen. So die biblische Geschichte.

Artus Quellinus setzt Samsons Körper hingebungsvoll vor Delila. Gottes Auserwählter ruht auf ihrem Oberschenkel. Selbst Bildhauer waren von Rubens zweidimensionalen Ideen ergriffen. Der Antwerpener Künstler, der 1577 in Siegen geboren wurde, sollte keine plastische Arbeit schaffen. Er war mit Bildhauern befreundet.

Die flämische Skluptur bietet ganz erhabene und selbstständige Figuren, die in jedem sakralen Raum sinnlich und intensiv wirken. Ludovicus Willemssens’ „Tugendpersonifikation des Glaubens“ (1690–1699, Eichenholz) entfaltet diese Aura.

Anders setzt die Grafik von Jacob Matham „Samson im Schoße der Delila“ (um 1613) an Rubens Vorbild an. Matham steigert die Zweisamkeit zu einem Akt wie im Traum. Während Samson mit dem Kopf in Delilas Schoß liegt, sind ihre Brüste über seinem Kopf freigelegt, lustvoll entgleitet ihr Blick ins Wesenlose. Ihre Dienerinnen kürzen Samsons Haar, und die Philister sind hinter einer Tür zu sehen – Gefahr im Verzug.

„Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ ist die kunsthistorische Schau des Jahres. Christoph Stiegemann verabschiedet sich mit seiner letzten großen Ausstellung. Im Herbst geht der Museumsmann nach 40 Jahren in den Ruhestand.

Bis 25. Oktober; di-so 10 –18 Uhr, 80 Personen dürfen zeitgleich in die Schau; Tel. 05251/125 1400; Katalog ist im Michael Imhof Verlag für 39,50 Euro erschienen; www.dioezesanmuseum-paderborn.de

„Aktualität des Barock“ heißt ein Ausstellungsteil mit Kunst von Tony Cragg, Gerhard Richter, Hans Op de Beeck, Sonja Toepfer, Rune Mields und anderen

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare