Peter Kurzecks monumentaler Roman „Vorabend“

+
Peter Kurzeck ▪

Von Achim Lettmann ▪ Seit neun Jahren ist er mit Sybille zusammen. Nach 21 Jahren hatte er mit dem täglichen Suff aufgehört. Seine vierjährige Tochter Carina geht in einen Kinderladen in Frankfurt-Bockenheim. Und Peter schreibt wieder am dritten Buch. Das ist eine existenzielle Aussage von Peter Kurzeck – das er schreibt. „Und die Wörter ziehen an mir“, sagt der Schriftsteller, der in seinem monumentalen Werk über die gelebte Zeit in der Bundesrepublik den Band „Vorabend“ fertiggestellt hat. Das fünfte Buch.

Peter Kurzeck, 1943 in Böhmen geboren, lebt in Frankfurt und im südfranzösischen Uzès. Unlängst ist ihm der Grimmelshausen-Preis (10 000 Euro) verliehen worden – für „Vorabend“. Es hat seine Preisliste verlängert. Gestern wurde er mit seinem Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gesetzt. Der 67-Jährige ist jenen Lesern bekannt, die über spannende Geschichten hinaus mehr von Literatur erwarten. Es ist ein zutiefst poetisches Ansinnen Kurzecks, das alltägliche Leben sprachlich zu erschließen, Empfindungen zu sichern. Er führt in dem Roman „Vorabend“ mit ein paar chronologischen Details ein, öffnet seine Biografie und macht spürbar, dass es ihm um den Prozess des Schreibens geht. Was muss der Schriftsteller notieren? Wie muss er sich äußern? In „Echtzeit“ ist Kurzecks Maxime. Den Tag erzählen, einen Wintersonntag aus den 50er Jahren, einen Herbstnachmittag von 1960 dazu und den Weg, den er nahm, zu seinem Freund Jürgen. Alles zählt. „Das bin ich.“

Kurzeck entwickelt und vermittelt jenen Sog, der ihn an seine Erinnerungen heftet. Er erzählt und fühlt dabei Gegenwart. Er hält die Zeit fest, wenn er schreibt: guten italienischen Kaffee kaufen, Schallplatten durchsehen, Ella Fitzgerald wollen („sobald etwas Geld da ist“), zu Bilka gehen und den halben Kinderladen treffen. Kurzeck schleicht sich mit seiner kleinen Familie in unser Herz.

Es ist ein sinnliches Vergnügen, wenn Alltagsszenarien in seiner Prosa Konturen erhalten, wenn er den Herbst riecht, empfindsam und voller Gedanken unterwegs ist. Er stellt seine Orte im Oberhessischen, wo er die Kindheit verbrachte, nicht mit bildstrotzenden Beschreibungen zu. Kurzeck geht es immer um das Gefühl, das er in einer erinnerten Situation hatte. Wenn er nach der Schule zurück nach Staufenberg musste und Schüler aus Ruttenhausen, Odenhausen, Salzböden vor dem Kino in Lollar stehen. Und die Mainzlarer – „man kennt sie vom sehen, das reicht“, schreibt er. Und wer kennt solche Momente aus der Kindheit nicht – Abgrenzung und ortsnahe Identitätsfindung.

Vieles ist auf die eigene Lebenswelt übertragbar, was in „Vorabend“ verhandelt wird; es lässt sich vergleichen. Dabei ist Kurzeck nicht der Autor, der aus sicherer Distanz alles bestimmt, sondern sich lieber im eigenen Kosmos dreht, windet und authentisch bleibt. Gerade wenn er zugibt, dass er schon vier Zigaretten im Bett geraucht hat und noch weitere elf zu Kaffee und Espresso folgten.

Die gefühlte Zeitgeschichte wird durch Begriff definiert: Stadtautobahn, Großmacht, Tiefkühltruhe, Dauertiefstpreise, 40-Stunden-Woche, Freizeit, Pizza, Kino – es sind die 70er Jahre gemeint. Das hat uns beschäftigt. Kurzeck sammelt, summiert und kommentiert, wenn er glaubt, dass die meisten Menschen ohne Auto, Fernseher und Lotto ihr Leben nicht aushalten. Cinzano, Partnertausch, Oswald Kolle, Rimini, Neubaugebiet, Grillparty, Urlaubsgeld – die 60er.

Und Exkurse erlaubt sich der Autor, wenn er beklagt, wie schwer es der Igel in der veränderten Welt hat. Teerflecke im Fell, schnelle Autos, geschlossene Garagen statt offener Scheunen, die Unterschlupf gewährten. Ein Schicksalsreport, der irgendwann auch langweilt und wie eine Wiederholung klingt.

Liebevoll schreibt er von seinem Schwager, der eine Zündapp fährt und Dinge im Keller repariert („Wer soll es denn machen?“). Ein fleißiger, selbstloser Mann, verschroben und überfordert, weil im bei all der Arbeit, die Zeit dahinrinnt. „Ist weg und kommt hinterher ihm in seiner Werkstatt zum Fehlen.“ So hält Kurzeck auch das Sprachidiom eines Mannes fest, der zur Vergangenheit gehört, wie eine gerngesehene Figur im historischen Panorama.

Kurzeck durchmisst sein Leben. Auf zwölf Bände ist sein Werk vom „Alten Jahrhundert“ angelegt. Es müssen noch sieben folgen und nach der Lektüre des „Vorabend“, weiß man nicht, wann er das noch alles schreiben will. Er weiß es wohl selbst nicht, aber es wäre schön.

Peter Kurzeck: Vorabend. Stroemfeld Verlag, Frankfurt. 1015 S., 39,80 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare