Peter Jordan inszeniert „Macbeth“ in Dortmund

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Düstere Gedanken über die Macht: Szene aus „Macbeth“ in Dortmund mit Björn Gabriel und Sebastian Graf. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–König Duncan bringt in einem Farbeimer das Blut zu seiner Ermordung mit. Er hält den Topf Macbeth hin, und die beiden schmieren sich redlich ein, liegen sich am Ende geradezu in den Armen. Das Verbrechen gerät zum seltsam erotischen Spiel in Peter Jordans Inszenierung von Heiner Müllers Shakespeare-Bearbeitung „Macbeth“ am Schauspiel Dortmund. Und die Sinnenlust spielt eine große Rolle in dieser nächtlich geprägten Deutung der Tragödie.

Jordan, inzwischen Partner von Mehmet Kurtulus im Hamburger „Tatort“, davor auf den Bühnen präsent u.a. in Bochum zu Zeiten von Leander Haußmann, später auch am Wiener Burgtheater, liefert in seiner Geburtsstadt sein Regiedebüt ab. Er hat sich keine leichte Kost dafür ausgesucht, sondern das Drama des Königsmörders, den sein Ehrgeiz in die Katastrophe treibt. Die Premiere war ein umjubelter Erfolg.

Jordan hatte viele präzise Ideen für das Stück. Der Bühnenraum verjüngt sich in die Tiefe extrem (Bühne: Daniel Roskamp). Unter der Decke hängen Haken mit Kleidung wie einst in den Wäschekauen der Zechen. Hier allerdings werden die überflüssigen Kleider der Toten ganz oben deponiert – man spielt unter einem symbolischen Leichenfeld. Und dunkel ist es, Schlaglichter reißen die Figuren expressiv aus der Nacht. Sebastian Graf bündelt in einer Person Lenox und Rosse sowie weitere Diener und Narren. Dazu spielt er auch noch beachtlich Gitarre und singt die melancholische Ballade „One“ von U2: „Is It Getting Better?“ Nichts wird hier besser. Die Hexen, langhaarige, leicht gekleidete Luftgestalten, sprechen zunächst Shakespeares Originaltext, tanzen verführerisch, ehe sie Banquo und Macbeth auch mit ihren Prophezeiungen die Köpfe verdrehen. Schön verdeutlicht die Inszenierung in solchen Momenten die Erotik der Macht.

Es gibt überaus starke Szenen in diesem „Macbeth“. Björn Gabriel ist für die Titelrolle, den erfahrenen und erfolgreichen Haudegen der schottischen Armee, noch jung. Er wirkt mit seiner schmalen Figur und den dunklen Locken eher wie ein Hamlet oder Romeo, oder, durch schwarze Klamotten, Lederhose, Handschuh an der Linken, wie Michael Jackson. Ein Pop-Prinz als blutiger Thronräuber. Im großen Monolog zum Ende hin, als die Hexen ihm die letzte trügerische Vorhersage machen, da sitzt er erst auf dem Thron, allein im großen Saal, und ruft wunderbar verloren: „Hallo?“ Dann senken sich die Wäschehaken, er versinkt im Gräberfeld, und dann klettern erst die Hexen und dann er über die Stangen. Ein Tanz auf Messers Schneide.

Großartig spielt Melanie Lüninghöner die Lady Macbeth, schon am Anfang, als sie ihren von Skrupeln gehemmten Mann erst in die Mordserie treibt. Aber ein wahres Kabinettstück ist ihr Wahnsinnsmonolog, in dem sie später Satzfetzen von allen möglichen Figuren abspult als wahr- und wahnhaft gespaltene Persönlichkeit. Und auch die anderen aus dem Ensemble dürfen ihre Stärken beweisen, bekommen starke Auftritte: Uwe Rohbeck als König Duncan ebenso wie Sebastian Kuschmann als kühler Realpolitiker Macduff und Jakob Schneider als Macbeths Gefährte und späteres Opfer Banquo, übrigens ebenfalls in einer Szene, die den Ermordeten und den Mörder in eine erotisch aufgeladene Nähe führt.

Manches geriet zu statisch in Jordans erster Regiearbeit, da blieben die Schauspieler im Monolog aufs Publikum orientiert statt zu Dialog und Interaktion zu finden. Aber insgesamt fand der Regisseur einen guten Zugang zu der Geschichte darüber, dass die Macht denjenigen, der sie zu sehr liebt, korrumpiert und vernichtet. Eher an Shakespeare als an Heiner Müller orientierte sich Jordan beim skeptischen Schluss, der so bei keinem der Autoren steht: Da geht Macduff ab, hält die Königskrone in der Hand, sieht sie an – und drückt sie dem Narren in die Hand. Der weiß auch nichts mit ihr anzufangen und setzt sie Banquos Sohn auf – wie von den Hexen prophezeit. Nach all den Bluttaten ist die Macht mehr Last als Lohn.

16., 19., 27.3., 14., 23., 29.4., 13., 22., 28.5.,

Tel. 0231/50 27 222, http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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