Peter Gabriel bietet überraschungsfreien Querschnitt

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Genug Hits für einen Abend hat Sänger Peter Gabriel.

Von Jörn Funke DÜSSELDORF - Ein Popkonzert ist für Peter Gabriel wie ein gutes Abendessen. Ein Drei-Gänge-Menü wolle er servieren, erklärte der Brite seinen gut 10.000 Gästen am Mittwochabend in Düsseldorf: akustische Vorspeise, elektrischer Hauptgang, und als Nachtisch das komplette, mittlerweile 27 Jahre alte Erfolgsalbum „So“. Damit bescherte er dem Publikum einen ebenso angenehmen wie überraschungsfreien Zweieinviertelstundenabend.

Gabriels Rezept: einfach das Populärste aus seiner Solokarriere auftischen. Und da ragt das 1986 veröffentlichte „So“-Album in der Tat heraus. Mit „So“ wurde der Ex-Genesis-Sänger und Sound-Tüftler zum internationalen Popstar, eroberte die Hitradios und füllte Fußballstadien. Das Album bot gepflegte Melodien, einen Schuss Soul und Ethnopop und beschäftigte sich dabei mit großen Themen: Liebe, Sex und die westliche Industriegesellschaft. Nie wieder, das sollte sich später zeigen, würde Gabriel so populär sein, wie mit „So“. Ein treues Publikum hat er trotz der etwas sperrigen Nachfolgealben behalten. Der ISS Dome, eine Eishockeyarena in einem Düsseldorfer Gewerbegebiet, war ausverkauft.

„Back to Front“ heißt die gut einjährige Welttournee, mit der das 25-jährige „So“-Jubiläum gefeiert wird. Der 63-jährige Gabriel greift dabei auf das Personal zurück, mit dem er schon 1986/87 auftrat: Tony Levin (Bass) und David Rhodes (Gitarre) sind langjährige Begleiter des Sängers, mit Drummer Manu Katché teilt er die Begeisterung für Weltmusik und mit David Sancious sitzt gar ein Gründungsmitglied von Bruce Springsteens E Street Band am Keyboard. Ganz ohne jugendliche Unterstüztung wollte das Quintett dann aber doch nicht auf die Bühne: Die Sängerin Jennie Abrahamson und die Cellistin Linnea Olsson übernahmen die Parts von Laurie Anderson, Kate Bush und Youssou N’Dour, mit denen Gabriel auf „So“ gesungen hatte.

Wenn man Gabriels kulinarisch angehauchter Terminologie folgen will, bieten die beiden jungen Schwedinnen wohl so etwas wie einen Aperitif an: Sie spielen einige melancholische Eigenkompositionen, bevor die eigentliche Show beginnt. Die „Vorspeise“, die Gabriel in passablem Deutsch ankündigt, besteht dann aus einem Akustik-Set, das an die vor gut 20 Jahren populäre „Unplugged“-Reihe des Musiksenders MTV erinnert und entsprechend angestaubt wirkt. „Shock the Monkey“, ein kleinerer Gabriel-Hit aus dem Jahr 1982, verliert so sämtliche Knalleffekte.

Der elektrische „Hauptgang“ zeigt mit druckvollen Versionen von Altwerken wie „No Self Control“ und „ The Family and the Fishing Net“, was im Akustikteil verloren ging. Und natürlich gibt es hier „Solsbury Hill“, Gabriels Ode an einen kleinen Hügel in seiner westenglischen Heimat, die in keiner seiner Shows fehlen darf. Dann beginnt endlich der zentrale Teil der Show, der viel mehr ist als der von Gabriel apostrophierte „Nachtisch“, nämlich „So“. „Sledgehammer“ und „In Your Eyes“ hat Gabriel seit 1986 praktisch in jeder seiner Shows gespielt, auch „Red Rain“ und „Don’t Give Up“ gab es recht häufig. Trotzdem haben die Werke nichts von ihrem Reiz verloren. Das gilt auch für das verträumte „Mercy Street“, eine Hommage an die Lyrikerin Anne Sexton (1928–1974) und die knallige Kapitalismuskritik „Big Time“. Lediglich Gabriels Versuche, 25 Jahre alte Tanzeinlagen zu wiederholen, wirken ulkig – schließlich hat der Mann inzwischen nicht nur deutlich weniger Haare auf dem Kopf, sondern trägt auch einen stattlichen Bauch vor sich her.

Dem „Nachtisch“ folgt die Zugabe: „Biko“, eine Hymne an den ermordeten südafrikanischen Gewerkschafter Steve Biko (1946–1977) und ein politisches Statement zu Apartheidszeiten. Gabriel hatte den Song aus dem Programm genommen, als die weiße Herrschaft am Kap endete, wollte ihn nicht zum Ritual verkommen lassen. Am Mittwoch hat er das Werk wieder aufgetischt, und dem Publikum hat es gefallen: Tausende reckten in Düsseldorf die Faust und sangen voller Inbrunst mit.

Quelle: wa.de

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