Peter Bürger schuf Lexikon der sauerländischen Mundart

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Archivar der Mundart: Peter Bürger legt ein Lexikon der sauerländischen Sprache vor. ▪

Von Bernd Luig ▪ DÜSSELDORF– Druckfrisch liegt der dicke Wälzer auf dem Küchentisch seiner Düsseldorfer Wohnung. Peter Bürger blättert in den knapp 800 Seiten. Willkürlich greift er Abschnitte heraus und liefert zu jedem Kapitel sofort umfangreiches Detailwissen. Der katholische Diplom-Theologe und examinierte Krankenpfleger hat seit 1994 Material für dieses Standardwerk gesammelt, das unter dem Titel „Im reypen Koren“ („Im reifen Korn“) eine einzigartige Fülle an Quellen bündelt – als sauerländisches Mundartautoren­Lexikon.

Mit mehr als 900 Einträgen zu Menschen, Veröffentlichungen und Initiativen vermittelt der Autor einen vielfältigen Überblick über die regionalen Zeugnisse der plattdeutschen Sprache: von Meschede über Warstein und Soest bis nach Lüdenscheid und Lennestadt. Der Titel „Im reifen Korn“ lehnt sich an das Gedicht „Wachteln“ der Esloher Lyrikerin Christine Koch (1869-1951) an. Darin heißt es: „Im Koren, im reypen Koren, Sin vey junk un gräot woren: Het jeden Dag sat giäten, Un in der Swumske siäten, Het kuiern lohrt un singen“ („Im Korn, im reifen Korn, sind wir jung und groß geworden: Haben uns jeden Tag satt gegessen, und in der Schaukel gesessen, haben sprechen gelernt und singen).

Peter Bürger sieht seine Fleißarbeit auch mit Selbstironie. „Ich würde mich nicht wundern, wenn einige das aufwändige Unternehmen zur Sprache einer einzelnen Landschaft für sonderbar halten“, sagt der Autor. „Doch natürlich wünsche ich mir Leser, die schon beim Durchblättern sagen: ,Düt is ne guerre Sake!‘ (Dies ist eine gute Sache).“

Eindrucksvolle Maßstäbe setzt das umfassende Standardwerk auf jeden Fall. „Für den gesamten deutschen Sprachraum dürfte es nichts Vergleichbares geben“, sagt Peter Bürger. Der 48-Jährige bedauert, dass das Sprachgedächtnis immer mehr „flöten geht“, sieht aber angesichts der „globalisierten Kultur“ ein „wachsendes Interesse“, spezielle kulturelle Eigenarten zu bewahren. „Es ist der letzte Versuch, Sprache als etwas, das zur Geschichte der Landschaft gehört, wahrzunehmen.“ Das Sauerland besitze dabei eine Ausnahmestellung, betont der Autor: „Nirgendwo sonst gibt es beim Platt so viele örtliche Varianten und eine solche Vielgestaltigkeit.“

Peter Bürger, der als freier Publizist in Düsseldorf lebt und arbeitet, stammt aus einer großen Familie in Eslohe. Sein Vater hatte zehn Geschwister, seine Mutter neun. 21 Cousinen und Vettern von ihm sprechen noch Platt. „Das klingt nach sehr viel, ist jedoch eine absolute Ausnahme“, erklärt der Mundart-Forscher. „Wenn Sie heute zum Schützenfest in ein kleines Dorf im Sauerland gehen, hören sie kein Platt mehr. Die Sprache stirbt aus. Von der Enkelgeneration verstehen die meisten selbst die einfachsten Floskeln nicht mehr.“ Im Gespräch mit seinen Geschwistern benutzt der 48-Jährige gelegentlich noch Redewendungen auf Platt, zum Beispiel: „Gieff mey mol de Teydunge!“ (Gib mir mal die Zeitung!).

Der engagierter Linkskatholik und beharrliche Kritiker von Heimatideologien befürchtet, dass mit dem Aussterben der sauerländischen Mundart wichtige Quellen zur regionalen Geschichte unwiederbringbar verloren gehen. Beispielhaft nennt der Autor nur Otto Mengeringhausen aus Warstein, der in „sehr zornigen Gedichten“ die Massaker der Nationalsozialisten an Zwangsarbeitern geschildert habe.

Nach 15 Jahren Forschungsarbeit, in denen Peter Bürger verschwundene Bücher in Bib liotheken aufspürte und etliche Nachlasse von kleinen Heimatdichtern vor dem Verbrennen rettete, füllt der Fundus in seiner Düsseldorfer Wohnung längst etliche Regalmeter. „Alles ordentlich archiviert“, sagt Peter Bürger, „Später sollen andere das problemlos nutzen können.“ Ideal wäre ein zentraler Standort im Sauerland, möglicherweise im Museum in Eslohe, betreut und gepflegt von einem hauptamtlichen Mitarbeiter.

Peter Bürger: Im reypen Koren. Ein Nachschlagewerk zu Mundartautoren, Sprachzeugnissen und plattdeutschen Unternehmungen im Sauerland und in angrenzenden Gebieten, 768 S., 30 Euro; Bestell-Adresse: Museum Eslohe, Tel.: 0 29 73 / 2 455 oder 8 00-2 20;

http://www.museum-eslohe.de; http://www.sauerlandmundart.de

Quelle: wa.de

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