„Sisyphos!“ in Bochum mit Linus Ebner und Martin Widyanata

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Weltenbauen mit Stoffbuchstaben: Szene aus der Performance „Sisyphos!“ am Prinzregenttheater Bochum mit Linus Ebner (links) und Martin Widyanata.

BOCHUM - Der erste Auftritt von Martin Widyanata im Bochumer Prinzregenttheater ist ein Schockmoment. Der Musiker hat keine Arme, keine Beine, besteht eigentlich nur aus Kopf und einem kindgroßen Torso. Gerade erzählt Linus Ebner von der befremdlichen Lust am Saunieren, da rollt Widyanata auf die Bühne, nicht im Rollstuhl, er selbst, allein mit Körperspannung. Er legt seinen Kopf auf Ebners Schenkel. Der merkt trocken an, dass das eher keine geeignete Haltung in der Sauna sei.

Während Ebner redet, kommentiert Widyanata die ironischen Anmerkungen durch seine Haltung, mal zwischen den Beinen des Kollegen, mal quer darauf liegend. Dann rollt er wieder in den Hintergrund, in einen Aufbau aus Bildschirmen und Tastaturen, in dem er den Monolog Ebners musikalisch begleitet, untermalt, konterkariert.

„Sisyphos!“ heißt der Abend, den Ebner, Widyanata und Romy Schmidt, künstlerische Leiterin des Hauses, erarbeitet haben. Angekündigt war eine „Performance zum absurden Leben“ ohne zu viele Details. Den antiken König von Korinth bestraften die Götter damit, dass er einen Felsblock einen Berg hinaufwälzen muss, aber kurz vor dem Gipfel rollt der Stein wieder ins Tal. Der Autor Albert Camus macht Sisyphos in seinem berühmten Essay zur Leitfigur des Absurden. Das alles taucht in dem mehr als zweistündigen Abend auf, aber eher beiläufig und an unerwarteter Stelle. Und doch überträgt die Aufführung, die so beiläufig beginnt und sich scheinbar willkürlich von Assoziation zu Assoziation bewegt, auf grandiose Weise die Gedanken, die die antike Sagenfigur auslöst, in einen überraschenden, berührenden, oft witzigen Abend über die menschliche Existenz und über das Päckchen, das jeder von uns zu tragen hat.

Am Anfang betritt Linus Ebner die Bühne, eine Art Landschaft aus Bergen, in der „Felsen“ (aus Stoff) und Buchstaben herumliegen, die ein „WHY?“ bilden (Ausstattung: Sandra Schuck). Der fabelhafte Ebner redet nahezu pausenlos, kommt vom „Saunieren“ auf die Modelleisenbahn, mit der er sein Hobby zum Beruf machen könnte, was ihm allerdings die Lust am Modellbahnbau verleiden könnte. Später ist noch vom Surfen die Rede, ein Motiv, das noch später erneut aufgegriffen wird, wenn es um die Talkshow des Menschenverstehers Markus Lanz geht, in der wohl einmal eine Surferin zu Wort kam, der ein Hai einen Arm abgebissen hat, die ihr Hobby gleichwohl nicht aufgeben wollte.

Das ist in seiner Banalität und Abwegigkeit hochkomisch, zumal Ebner seine Wortschwälle spontan wirken lässt und sogar Zwischenrufe aus dem Publikum aufgreift. Zwischendurch gibt es Zitate und absurde „Songs“, zum Beispiel rezitiert Ebner Rilkes Gedicht vom „Panther“ in Endlosschleife, immer schneller, über einem elektronischen Groove von Widyanata.

Es gibt in dieser Performance geradezu unglaubliche Szenen. So baut Ebner seinen Partner in eine Kissenburg aus Stoffbuchstaben und -felsen ein. Mit Mikrophon und Kamera kommt man Widyanata ganz nah, hört ihn eine Melodie schnalzen, während er zugleich einen Kugelschreiber im Mund hält und die Mine auftauchen und verschwinden lässt. Die absurde Übung führt er quälend lange aus, immer wieder. Irgendwann sagt Ebner, er solle jetzt aufhören, und greift nach dem Stift. Daraus entwickelt sich eine regelrechte Verfolgungsjagd. Später tanzen beide zusammen. Den Elektro-Rollstuhl benutzt in „Sisyphos“ freilich nur Ebner.

Und dann kippt der Abend vom Spielerischen ins Existenzialistische. Ebner ringt mit den Stoffbuchstaben und ringt um Worte, darum, was sich sagen lässt. Jeder trägt sein Päckchen, „You all have your Päckchen“, sagt Ebner. Er weist einen Ausweg aus der Zwangslage: Kapitulation. Während er den Zuschauern die Aufgabe stellt: „Geben Sie auf!“, macht Widyanata jedoch renitent weiter mit seiner Musik, mit dem Spiel, mit dem Leben, ein Sisyphos, der sein Päckchen mit beeindruckender Heiterkeit trägt.

In Bochum gelingt das Kunststück, dass ein ungewöhnlicher Mensch mit seinem Partner eine Geschichte erzählt, die von viel mehr handelt als von Behinderung. Ein Theaterabend, den man nicht verpassen sollte.

3., 4.4., 12., 13.6.,

Tel. 0234/ 77 11 17,

www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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