Performance „After Work“ von Tobias Staab in Bochum

Zärtlich gefesselt: Szene aus „After Work“ in Bochum mit Ulvi Teke und Dominik Dos-Reis. Foto: Michael Saup

Bochum – Dasniya Sommer greift sich eins der Seile von der Stange, legt es an, bildet eine Schlaufe, zieht das Ende durch, hier ein Knoten. Nach und nach bindet sie dem fast nackten Ulvi Teke zunächst die Arme fest an den Leib. Dann nimmt sie seine Beine und fixiert sie ebenfalls, zieht einen weiteren Strick über die Stange, so dass Teke hängt, nur noch den Oberkörper am Boden.

Dasniya Sommer praktiziert in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum die Kunst des Shibari, der japanischen erotischen Fesselkunst. Dazu spricht Dominik Dos-Reis die Passage aus Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“. Darin geht es um die grausame Hinrichtung eines Mannes in einer Maschine, die ihm den Text des Gesetzes in den Körper schreibt, gegen das er verstoßen hat. Anschließend erklingt Walzermusik, erst von Johann Strauß, dann von Ravel. Im Dreiviertel-Takt verschnürt nun Sommer auch Dos-Reis, noch kunstvoller als Teke, und hängt ihn schließlich an die Stange, dass sein Körper zum willenlosen Pendel wird. Das ist mit feinem Timing und großer Kunst arrangiert. Dasniya Sommer scheint die Seile um die beiden Männer zu tanzen, im Gleichklang mit der immer aufrauschenderen, brechenden Musik. Das Ritual der Sado-Maso-Szene wird zum meditativen und hochästhetischen Akt.

Was erzählt dieser Moment am Ende von „After Work“, einer Produktion am Schauspielhaus zwischen Performance und Choreografie von Tobias Staab? Richtige Arbeit sieht man gar nicht in diesem „Requiem für den arbeitenden Menschen“. Stattdessen reiht der Abend, den Staab mit dem Choreografen Rob Fordeyn und der Bühnenbildnerin Nadja Sofie Eller konzipierte, kontemplative Bilder aneinander. So stehen die fünf Darsteller anfangs wie die Materialisierung eines Familienporträts aus der Renaissance, posieren in aufwendigen historischen Kostümen. Später tanzen sie unter anderem zu einer entschleunigten Version von James Browns Hit „Sex Machine“.

Nun ist ein Requiem ja genau das: ein Ab- und Nachgesang auf etwas, das gestorben oder verschwunden ist. Die Arbeit sollte im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung weniger werden, es sollte eigentlich mehr Zeit für Muße geben. Tatsächlich aber werden die Menschen immer mehr gefordert, wird ihnen mehr abverlangt. Als Zuschauer muss man sich solche Gedanken ins Bewusstsein rufen. Was gezeigt wird, hat damit weniger zu tun. Staabs Bilderreigen umspielt sein Thema eher zufällig.

Anne Rietmeijer zieht ein Gorillakostüm über, posiert als Startpunkt der Evolution zum Menschen und singt Vera Lynns ikonischen Weltkriegs-Song „We‘ll Meet Again“ mit. Wenn Anna Pocher im roten Kleid auf dem Boden sitzend Dominik Dos-Reis in ihrem Schoß hält, zitiert das ein Motiv der Kunstgeschichte, die Pietà, die Gottesmutter mit dem toten Christus. Was das über den Alltag in der postkapitalistischen Welt sagt, bleibt nebulös. Auch wenn es den Schichtwechsel gibt: Reihum tauschen die Akteure die Plätze, es gibt immer neue Pietà-Paarungen. Da schleppt Mourad Baaiz einen Pappmaché-Felsen auf die Bühne als Altar. Dann mutiert er zum Schamanen, der seine Mitspieler in Trance versetzt, später als Motivationstrainer beschwört, dass sie über glühende Kohle gehen können. Und? Welch ein Kontrast zum Beispiel zu Susanne Linkes Choreografie „Ruhr-Ort“, in der sie 1991 Tänzer mit Hämmern auf Stahlplatten schlagen ließ. Das Requiem baut nie den Druck auf, von dem man erzählen könnte. Alles bleibt assoziativ. Nur die Arbeit, die wird nicht sichtbar. Am ehesten noch, als historische Filme eingespielt werden. Wer hätte gedacht, dass der erste öffentlich aufgeführte Film Arbeiter beim Verlassen einer Fabrik zeigt?

14., 17., 19., 31.1., 9., 22., 23., 26.2.,

Tel. 0234 / 3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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