„Penthesilea“ mit Sandra Hüller und Jens Harzer in Bochum

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Sinnlich und seelig – nur für den Moment. Penthesilea (Sandra Hüller) und Achilles (Jens Harzer) in der „Penthesilea“-Inszenierung von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum.

BOCHUM Sie sind aus der Zeit gefallen. „Verzeihst Du mir?“, sagt Penthesilea. „Von ganzem Herzen“, sagt Achilles. Und beide klingen wie ein Paar, das sich dieser Wendung bedient, um sich der gemeinsamen Existenz zu versichern. In der Inszenierung von Kleists „Penthesilea“ geht es aber um mehr. Der ewige Gegensatz Mann und Frau lässt sich überwinden: Liebe erscheint in Heinrich von Kleists Trauerspiel wie eine göttliche Energie, die beide erreicht. Können Sie damit umgehen? Oder bleibt ihre Hinwendung eine Illusion – Elysium?

Die Amazone und der Krieger erreichen das Unvorhersehbare, eine nie gekannte Transzendenz – nur in Bochum.

Am Schauspielhaus gelingt Regisseur Johan Simons das Kunststück, der besonderen Tragik von Kleists Trauerspiel (1808) ein stetes Momentum zu geben. Vom Prolog an sind sich Penthesilea und Achilles zugewandt und von ihrer gegenseitigen Anziehung getrieben, verstört, bezaubert, verpflichtet – das Geschehen auf dem Schlachtfeld vor Troja ist nur eine Folie ihrer Bestimmung. Vasco Boenisch hat diese Ausschließlichkeit mit Kleists Sprache begründet. In der Bochumer Textfassung werden den Liebenden auch die Inhalte zugeschrieben, die Kleist auf andere Figuren verteilt hatte. In jedem Handlungsvorgang spiegelt sich nun die Intensität ihres Seins. Diese polarisierende Dramaturgie wird von den großartigen Schauspielern in einem hochemotionalen Dialogstück bewegt.

Sandra Hüller ist als Penthesilea schon zu Beginn berauscht. Sie frohlockt, läuft und tanzt über die Bühne, ihr ist etwas passiert: neue Gefühle. Waffen trägt sie nicht. Die schwarze Trikotage (Nina von Mechow) betont ihren Körper und die muskulösen Arme. Der Bizeps ist top.

Aus dem dunklen diffusen Raum, den Johannes Schütz geschaffen hat, löst sich jede Figur nur langsam. Der Ort ist eine zunehmende Kulturzone. Am Bühnenrand, wo eine breite Leuchtfläche quer zum Publikum eingelassen ist, sind auch die Gesichter zu erkennen. Dabei treten beide immer wieder ins zivilisatorische Licht, um über ihre gesellschaftliche Position hinaus, den Dialog zu suchen. Ein Mittel, um Konflikte in der neuen Zeit zu überwinden, nicht im Trojanischen Krieg. Das Licht zieht beide an und aus der barbarischen Dunkelheit heraus.

Penthesilea wird sichtbar. Sie ist verzweifelt, bleiben ihr Achilles und die Emotionen doch ein Mysterium. Gelöst und selbstsicher tritt sie auf, als sie meint, den Krieger mit dem Schwert besiegt zu haben. Nur den Verlierer darf sie mit nach Hause nehmen. Da Fortpflanzung bei den Amazonen aber keine humane Liebe eröffnet, bleibt der Plan schwierig. Sandra Hüller, die wie Jens Harzer für den Nestroy-Theaterpreis nominiert ist, treibt die Amazone ins Extreme: erst klammert sie sich an Achilles wie ein Kind, dann zittert sie vor seiner Nacktheit, beißt in seine Ferse, wo er nach der Sage nach am Empfindsamsten ist, und fletscht die Zähne, als sie gewahr wird, dass nur ein neuerlicher Kampf mit Achilles ihre Reputation als Königin wiederherstellen kann. Dieser Tragik mischt Hüller ein wenig Irrsinn bei, schreit sie ihren Schrecken im tiefsten Dunkel heraus. Bei Achilles’ Selbstopferung ist sie eine Täterin, die ihr Inneres öffnet und zum gesprochen Tötungsakt Sehnsucht und Verlorensein spürbar macht. Hüller spielt eine bipolare Störung. Es ist eine Schau.

Jens Harzer ist schon im Prolog kein „Vieh“ des Krieges. Sein Achilles sucht nach Worten für die Amazone, für seine Gefühle, seine Ziele. Er liegt ihr zu Füssen („Wie nenn’ ich Dich“), zum Kampf streckt er die Arme hoch und macht sich verwundbar. Nicht ohne Selbstironie steht er gebieterisch da, wenn sie wie ein Hündchen neben ihm kauert. Sie soll doch seine Königin sein. Harzer macht den Verwandlungsprozess seines Kriegers zur Selbstfindung eines Mannes, der in einer Offenbarung aus Liebe transzendent wird und wieder seiner Penthesilea begegnet.

„Verzeihst Du mir?“, sagt Archilles. „Von ganzem Herzen“, sagt Penthesilea, nachdem sie einen Pfeil in seinen Hals schoss und mit den Hunden seine Brust zerriss. Aber längst sind beide von Liebe durchdrungen und erheben sich über die brutalen Taten, die Kleist nutzte, um Liebesnot in den Kriegen seiner Zeit zu beklagen.

Johan Simons erhebt in Bochum die Gefühle über Geschlechterdispositionen hinaus. Penthesilea und Achilles sprechen am Ende die gleichen Rollentexte, werden so eins miteinander oder eine Konstruktion für zwei.

Für die Koproduktion mit den Salzburger Festspielen gab es auch in Bochum einhelligen Applaus, Jubel und viel Zustimmung.

18. 11.; 15. 12.; 31. 1.; 1., 2., 24. 2.; 7., 8., 24. 3.; Tel. 0234 / 3333 5555; www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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