Xin Peng Wangs Choreografie „h.a.m.l.e.t.“ in Dortmund

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Szene aus „h.a.m.l.e.t.“ in Dortmund mit Jelena Ana Stupar (Ophelia) und Mark Radjapov (Hamlet). ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Was wäre, wenn man Hamlet, den Dänenprinzen, Knall auf Fall in die Jetztzeit versetzte? Wenn er zur Schule müsste, in einer Einheitssiedlung wohnte? Dortmunds Ballettchef Xin Peng Wang und sein Dramaturg Christian Baier geben die Antwort: Heute wäre Hamlet ein Amokläufer.

Im Dortmunder Opernhaus hatte die Neuschöpfung Premiere. Die beiden haben sich bereits mit „Romeo und Julia“ Shakespeare angenähert, mit dem Zweck der Modernisierung. Der ewige Zweifler ist in „h.a.m.l.e.t. oder die Geburt des Zorns“ kein Grübelnder mehr, sondern einer, der von Wut und Geistern gejagt wird. Sie reduzieren das Drama auf die Beziehung Hamlets zu seiner Mutter, die er an seinen Onkel verliert, und zu Ophelia, die er nicht mehr an sich heranlassen kann. Das Stück endet mit Ophelias Selbstmord und dem Ausstoß Hamlets durch die Hofgesellschaft und seine Mutter. Brisanz bringen Wang und Baier durch einen aktuellen Bezug hinein, eine Parallele zwischen Hamlet und Tim K., dem Amokläufer von Winnenden.

Ein gewagter Zug, und doch auch nicht, denn Wang und Baier haben bekannterweise keinen Hang zu vordergründig drastischer Darstellung. Sie haben einen sehr depressiven Abend geschaffen, ganz zu Musik des estnischen Spiritualisten Arvo Pärth, voll von fahlem, indirektem Licht (Leo Cheung) und düsteren Bildern (Bühne: Frank Fellmann). Hamlet (Mark Radjapov) windet sich in Hilflosigkeit. Er umkreist den Stiefvater, der seinen Vater ermordet und seine Mutter geheiratet hat. Howard Lopez Quintero erfüllt die Rolle mit starker Präsenz, er und Monika Fotescu-Uta sind ein kraftvolles, lebensvolles Paar. Radjapovs Hamlet hätte mehr Außer-sich-sein gut getan.

Durch ein simples, sehr symbolisches Bühnenbild wird gezeigt, dass Hamlet eigentlich nur um sich kreist, dass sein Kräftemessen mit dem Stiefvater nur ein Hinterfragen der eigenen, noch aufzuckenden Lebenskraft ist. Polyeder schweben von oben ein, hängen bedrohlich über Hamlet und drängen sich über ihm zusammen. Polyeder tauchen auch in den Händen der Tänzer auf, sind bald Krone, bald Sarg und ganz am Ende ein Spielball, der fallen gelassen wird.

Ophelia, anrührend getanzt von der zarten, beweglichen Barbara Melo Freire, ist die einzige, die im Licht lebt. Auch sie ist aber nur ein Spielball, der fallen gelassen wird. Nicht von ungefähr trägt sie ein Kleid, dessen Schnitt an einen OP-Kittel erinnert (Kostüme: Alexandra Schiess). Ratlos geht sie in den Tod – in einer Szene, in der Pärths „Tabula rasa“ in Puls und Melodik ein müdes, melancholisches Spiegelbild des Finales von Prokofjews „Romeo und Julia“ ist. Prokofjews Meisterwerk hat auch teils für die Choreografie Pate gestanden: in der Ballszene, in der Mutter und Stiefvater vor dem Hof tanzen, er selbstbewusst, sie in der Nachahmung kindlicher Unschuld und Freude.

Xin Peng Wang greift die sich wiederholenden und überlappenden Strukturen von Pärths Musik auf. Eine seiner Stärken ist die Kreation von „Signaturbewegungen“ für seine Figuren, die phasenweise wiederholt und variiert werden. Das korrespondiert mit den Phasenverschiebungen bei Pärth. Wang schafft klare, sich vorsichtig gegeneinander verschiebene Deutungsebenen. Bilder der Lebensunfähigkeit. Moto Kobayashi leitet die Dortmunder Philharmoniker, die den Pärth'schen Partituren Farbe und Melancholie entlocken.

Wer einen solchen Stoff angeht, muss die Frage nach der Moral stellen, wenn auch die Antwort lauten mag: es gebe keine. Sonst droht die Gefahr einer Abfolge von Beschreibungen, von skizzierten Seelenzuständen. Wang will dem entgehen; das gelingt ihm nur bedingt. Er deutet Verständnis nach allen Seiten an. So sind Mutter und Stiefmutter lebensfrohe Menschen, die sich in symbolisch rotem Licht umeinander schlängeln – immerhin haben sie gemeinsam ein Verbrechen begangen. Aber sie sind auch die einzig Lebendigen im Stück. Hamlets Selbstüberhöhung ist geschickt dargestellt. Einer konsequenten Deutung gehen Wang und Baier aus dem Weg.

10.,13.,19.11., 3., 19., 30.12.

Tel. 0231 / 50 27 222

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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