Xin Peng Wangs Ballett zu „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in Dortmund

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Oskar (Howard Quintero Lopez) kann Marianne (Monica Fotescu-Uta) nicht halten. Szene aus der Ballettbearbeitung in Anlehnung an Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ an Dortmunds Oper.

Von Edda Breski -  DORTMUND So macht der Tod nachgerade Spaß: Mit langen Jetés jagt Mark Radjapov im Kreis, er hüpft und dreht sich und springt wie ein Gummiball zum Klipp-Klapp-Galopp. Dortmunds Ballettchef Xin Peng Wang und sein Dramaturg Christian Baier haben für ihr Projekt Stoff aus der Stadt der Walzerträume und des morbiden Humors gewählt: „Geschichten aus dem Wiener Wald“ greift einen Stoff von Ödon von Horvath auf und unterlegt die Geschichte eines gefallenen Mädchens mit Musik von Johann Strauß und Alban Berg.

An der Oper Dortmund ist aus dem traurigen Spiel von Marianne, die sich in den Falschen verliebte, ein nostalgisches Handlungsballett geworden.

Zwischen Särgen erhebt sich ein Totencorps. Bleiche Menschen in Weltkriegsgrau erinnern sich an das Walzer-Wien und tragen zum pompös-verschwenderischen Kaiserwalzer das Mädchen Marianne (Monica Fotescu-Uta) aus dem Grab heraus. Einer Wiener Volksgeschichte zufolge kommen die Toten einmal im Jahr wieder und erhalten eine neue Chance. Nach Horvath verlässt das Mädchen Oscar, recht kraftmeierisch auf die Bühne gebracht von Howard Quintero Lopez, und geht zum windigen Alfred. Er macht ihr ein Kind und zwingt sie, es wegzugeben. Als es stirbt, nimmt Oscar Marianne wieder auf. Monica Fotescu-Uta hält sich an Skeletten fest, als fürchte ihre Marianne ein neues Leben, dann gibt sie doch dem hübschen Alfred nach. Dimitry Semionov, ehemals Solotänzer am Staatsballett Berlin, ist seit ein paar Wochen fester Gast im Dortmunder Ballett. Er tanzt den Verführer ohne sichtbare Anstrengung, mit lässigem Charme.

Wang zeigt die Liebesgeschichte vor Projektionen von Wien im Nebel. Klimtsches Grün und Gold schimmern im schwarzen Raum auf (Bühne: Frank Fellmann). Man ist in der Sommerfrische. Das Ballett kommt in gestreiften Schwimmanzügen (Kostüme: Alexandra Schiess). Wang hat ironische Ensembleszenen choreografiert, zitiert große Ballette wie „La Bayadère“ und „Schwanensee“. Einmal umbalzen vier Freischwimmer, hüpfend wie die vier kleinen Schwäne, Alfreds Freundin Valerie, die in einem Liegestuhl ausruht. Das Corps glänzt in morbiden Polkas und Walzern. Die Hauptrollen ziehen eher in Bildern vorbei. Monica Fotescu-Uta zieht schwärmerisch sich reckend und dehnend durch die Geschichte. Die bewegliche, strahlende Emilie Nguyen als ihre Rivalin Valerie portraitiert ein kokettes, charmantes Persönchen. Sie wird ihren Alfred wiederbekommen und zu „Rosen aus dem Süden“ mit ihm davonwalzen, ein Scheinfinale. Danach holt Wang zur großen Geste aus: Der Tod holt sich alle wieder, zum Kaiserwalzer. Damit endet auch die Nebengeschichte: Es wird ein zweites Mädchen (Stéphanine Ricciardi) eingeführt, die ein schwärmerisches Verfolgungsspiel mit dem Tod spielt. Erst im Schlussbild wird enthüllt, dass das Mädchen im Ballerinakleid das verlorene Kind Mariannes ist. Der Flirt zwischen Mädchen und Tod zeigt die Dualität von Tod und Leben und verankert die Geschichte noch tiefer in der Wiener Kultur, er erinnert an das Schubert-Quartett ebenso wie an das Ende von Schuberts Winterreise: Auch Wang zeigt den Tod als Leierkastenmann. Dieser aber spielt die „Schöne blaue Donau“.

Die Stärke von „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ist auch seine Schwäche: Wang/Baier setzen Anspielungen und Zitate zusammen, um sie zu brechen, daher auch die Spiegel auf der sonst schwarzen Bühne. An den entscheidenden Stellen bleibt der Abend eine Bilderfolge. Gerade der erste Teil erinnert an ein Nummernballett. Der leichte, skizzierende Stil unterhält, dafür kippt die Geschichte abrupt ins Dramatische, als Marianne ihr Kind verliert. Der Tod führt eine Bruderschaft finsterer Gestalten an, die sie wie eine Puppe umherschieben, dazu wird Berg gespielt. Mit dem Kontrast Strauß gleich schön und Berg gleich dissonant, also finster, machen es sich Wang/Baier zu einfach. Auch warum das finstere Milieu, in das Marianne Alfreds wegen abrutscht, ein Ballettstudio mit wie Degasfiguren ausstaffierten Tänzerinnen sein soll, erschließt sich nicht unbedingt, es sei denn, man begreift Spitzenschuhe als sinistre Folterinstrumente.

Dennoch ist „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ein unterhaltsames, leichthändig erzähltes, ironisches Ballett mit guten Ensembleleistungen. Im Orchestergraben begleiten die Dortmunder Philharmoniker unter Motonori Kobayashi die Tänzer akkurat, oft feinsinnig, trotz gelegentlich etwas markiger Blecheinsätze und leicht verrutschter Geigen in der Tritsch-Tratsch-Polka.

Das Ballett

Ein unterhaltsames und bildreiches Handlungsballett mit gutem Ensemble. Das Leitungsteam verlässt sich auf eine konventionelle Musikdramaturgie.

Geschichten aus dem Wiener Wald an der Oper Dortmund.

9., 15., 21., 26., 29. März, 16., 26. April, 3., 9., 25., 31. Mai, 14. Juni; Tel. 0231/5027222

Quelle: wa.de

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