Xin Peng Wangs Ballett „Der Traum der roten Kammer“ in Dortmund

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Ein blühender Baum im Winter als schlechtes Omen: Mark Radjapov als Pao Yü in „Der Traum der roten Kammer“ in Dortmund. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ DORTMUND  _In China ist Rot nicht die Farbe der Liebe, sondern des Erfolgs und des Reichtums. Den lässt der Jüngling Pao Yü jedoch samt seinem Familienerbe zerrinnen, weil das Schicksal ihm das Liebesglück vorenthält. Xin Peng Wang zeigt in seiner Choreografie „Der Traum der roten Kammer“ im Dortmunder Opernhaus, wie Pao Yü alle Lebenstüchtigkeit aufgibt. Kämpfer in schwarz gepanzerten Rüstungen peitschen mit glühenden Kampfstäben ein Tremolo auf den Boden. Sie marschieren über ihn hinweg, springen ihn an, doch Pao Yü weicht jeder Provokation.

Asiatische Kampfkunst, Ausdruckstanz und westliche Sprungtradition mischt Xin Peng Wang in dieser Szene. Sie ist eine der eindrücklichsten in der bildgewaltigen Produktion (Kostüme: Han Chunqi, Bühne: Frank Fellmann). Das Dortmunder Ballett hat sie in Kooperation mit dem Hong Kong Ballet ge stemmt; dort wird sie ab Oktober 2013 gezeigt. In Dortmund wurde sie frenetisch gefeiert.

„Der Traum der roten Kammer“ von Cáo Xuequín ist im Westen kaum bekannt; in China ist der Roman aus dem 18. Jahrhundert ein Klassiker. Er schildert der Aufstieg und Fall des Hauses Kia – weshalb Wang zum Vergleich Thomas Manns „Buddenbrooks“ heranzieht. Sein Handlungsballett konzentriert sich auf das Schicksal Pao Yüs.

Großen Anteil an der Aussagekraft der Choreografie hat die Musik von Michael Nyman, die die Dortmunder Philharmoniker unter Motonori Kobayashi darbieten. Sie vergrößert das Bühnengeschehen immer wieder auf episches Format: Aus schillernder Harmonik mit Anklängen an Purcell, Vivaldi und Mozart, aus pulsierender Dringlichkeit und steter Steigerung der musikalischen Formeln erzeugt Nyman ein Reizklima, dessen Spannung sich auf das Publikum überträgt.

Mark Radjapov tanzt den tragischen Helden, der nicht bereit ist, sein Unglück zu bewältigen, sondern darin verharrt. Radjapov verleiht seiner Figur eine stoische Hartnäckigkeit und Spannkraft, die dem einst sprunghaften Jüngling nicht zuzutrauen war. Er liebt seine Cousine Lin Dai Yü, die Monica Fotescu-Uta in schwärmerischen Dehnfiguren auf die Spitze stellt. Wang formuliert ihre Zweisamkeit in fließenden Hebungen und synchronem Gleichklang. Doch heiratet Pao Yü eine Andere, die der Familie genehmer ist. Noch eine Unglückliche: Die Eifersucht macht Risa Tateishi zur Furie.

Die Soli und Pas de deux dieser Drei prägen die Choreografie, doch es gibt auch opulente Ensembleszenen, etwa einen chinesischen Tüchertanz, bei dem meterlange Stoffbahnen fliegen, und das Lichtspiel einer Laternenprozession. Außerdem zeigt Wang einen Abriss der chinesischen Geschichte: Uniformen und prächtige Roben werden wie auf dem Catwalk präsentiert, während über die Ruine des Kia-Palastes Videobilder huschen, von Mittelalter-Kunst über die japanische Besetzung bis zur Kulturrevolution. Auf der Bühne werden vermeintliche Konterrevolutionäre vorgeführt und Mao-Bibeln geschwungen. Ein gutes Dutzend Tänzer formt eine vielarmige Figur, die mit mechanischen Bewegungen die Industrialisierung des Riesenreiches vorstellt. Ein politisches, gar kritisches Statement ist das alles nicht – Wang bebildert bloß die Gültigkeit des „Traums“ durch die Zeitläufte. Ein schwacher Moment in einem oft überwältigenden Tanzabend.

17., 22., 30. November, 15., 21. Dezember, 26. Januar 2013, 9., 22. Februar, 24. März, 26. Mai, 1. Juni

Tel. 0231/ 5027222 http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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