Peggy Mädlers Buch „Legende vom Glück des Menschen“

Von Ralf Stiftel ▪ Peggy Mädler stellt im Titel ihres Familienromans „Legende vom Glück des Menschen“ die Möglichkeit, dass es Glück gebe, schon in Frage. Ein Buch ist Ausgangspunkt für die Erzählerin, in der eigenen Geschichte nachzuschauen. Das Buch „Vom Glück des Menschen“ gehörte ihrem Großvater. Er erhielt es als „außerordentliche Auszeichnung“ der sozialistischen Staatsmacht. Eigentlich ist es eine Beleidigung, denn ein Bekannter hatte am selben Tag eine Prämie bekommen, Geld, mit dem er etwas anfangen konnte.

Über drei Generationen, von 1939 bis in die Nachwendezeit, folgt die Autorin einer deutschen Familie, durch drei Staatssysteme. Und gerade da, wo die Ideologen das Glück am nachdrücklichsten befördern wollen, sind die Menschen am unglücklichsten. Die Legende entpuppt sich als unerfüllter Wunsch.

Wir erfahren von Erich und Elsa. Er muss in den Krieg ziehen. Als er heimkommt und vor der Tür steht, da fühlt er sich einen Moment lang „nahezu verrückt vor Glück“. Doch als die Frau öffnet, „zieht sich das Glück erschrocken zurück“. Der traumatisierte Ex-Soldat und seine Frau führen eine Zweckehe. Das färbt ab auf den Sohn Wolfgang. Der wird wieder nicht glücklich im Arbeiter- und Bauernstaat. Die Kinder Ina (die Ich-Erzählerin) und Thomas leben mit der Dissonanz des Behaupteten und des Tatsächlichen. Kleine Brüche legen bloß, warum hier Erfüllung unmöglich bleibt. Wenn Erich zu Unrecht beschuldigt wird, sich am Bestand der HO bedient zu haben. Wenn Ina ein Buch aus der Bibliothek klaut – und anschließend ein demütigendes Ritual über sich ergehen lassen muss.

Die Autorin, 1976 in Dresden geboren, hat offensichtlich eigenes Erleben ins Buch eingearbeitet. Aber ihr Roman geht weit über bloße Verarbeitung der eigenen Biografie hinaus. Ihr gelingt ein Schwebezustand zwischen den historischen Fakten und jenem Ungefähr, das jede Erinnerung bestimmt. Manchmal klingt das wie ein Märchen, oder ein altes Volksbuch: „Es waren ein Mann und eine Frau, die trennten sieben Jahre und ein Krieg.“ Schlicht ist diese Sprache und dabei einfach schön. Und selbst aus einer Propagandaformel wie der offiziösen Definition des Kommunismus als „Sowjetmacht plus Elektrifizierung“ schlägt sie noch poetischen Mehrwert. Wir lesen traurige Liebesgeschichten, die das Herz wärmen. Manchmal nur mit einer gelungenen Formulierung: „Es gibt Formeln für das Glück, die klingen wie Gebrauchsanweisungen für Küchenmaschinen.“

Und das Schönste dabei: Obwohl die Sehnsucht aller Figuren im Buch unerfüllt bleibt, verrät die Autorin sie nicht. Wenigstens die Hoffnung lässt sie dem Leser, und ein Lächeln zum Schluss.

Peggy Mädler: Legende vom Glück des Menschen. Galiani Verlag, Berlin. 213 S., 16,95 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare