Trolle im Rocksound

Dusan David Parizek inszeniert „Peer Gynt“ in Bochum als Livestream-Premiere

Szene aus „Peer Gynt“ am Schauspielhaus Bochum mit Anna Drexler, William Cooper, Anne Rietmeijer und Konstantin Bühler (von links).
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Szene aus „Peer Gynt“ am Schauspielhaus Bochum mit Anna Drexler, William Cooper, Anne Rietmeijer und Konstantin Bühler (von links).

Am Schauspielhaus Bochum sind Vorstellungen mit Publikum nicht möglich. Jetzt hatte die lange verschobene Inszenierung von Ibsens Drama „Peer Gynt“ als Livestream Premiere.

Bochum – Anna Drexler rotzt den Zorn auf die Welt heraus mit dem Text des Rocksongs „Seven Nation Army“. Was passte besser zu Peer Gynt als die Zeile: „I’m gonna fight ‘em all...“ Aus dem Halbdunkel im Bochumer Schauspielhaus schält sich Michael Lippold in der Rolle von Peers Mutter: „Peer, du lügst!“

Aber das Spiel um den Bauersjungen, der Kaiser werden will, der erst die Braut eines anderen in der Hochzeitsnacht verführt, dann quer um die Welt sein Glück oder vielmehr sein Ich sucht und am Ende seine alte Liebe Solvejg trifft, die auf ihn wartete und ihn mit ihrem Lied erlöst, das erleben Theaterfreunde in vieler Hinsicht anders. Dusan David Parizek inszeniert Henrik Ibsens Stück „Peer Gynt“ am Schauspielhaus Bochum. Die Premiere gab es wegen der Pandemie nur als Livestream.

So großartig das Kamera-Team auch arbeitet: Die Magie der großen Bühne mit der großen verstellbaren Platte verliert erheblich auf dem kleinen Bildschirm daheim. Das ist dem Ensemble bewusst. Einmal, als sie aus der Rolle fallen, sagen sie es: „Wir brauchen ein Live-Publikum.“ Aber es ist nicht nur das. Parizek diagnostiziert an Ibsens Text eine Menge an falschem Bewusstsein, an toxischer Männlichkeit, kolonialem Denken, an marktliberaler, weltverschleißender Haltung. Und so ist der Abend eine gründliche Dekonstruktion des Dramas, die mit einer Besetzung gegen die Geschlechterrollen beginnt. Anna Drexler spielt Peer, Michael Lippold die Mutter. Bei der Hochzeit verführt Peer nicht die Braut, sondern brennt mit dem Bräutigam durch. Später verkörpert William Cooper die Tochter des Troll-Königs, der wiederum von Mercy Dorcas Otieno gegeben wird.

Schon dadurch werden die Rollen-Konventionen gebrochen. An einigen Stellen greift die Inszenierung noch tiefer in den Stoff ein. Die Beduinin Anitra, die von Peer als willige Liebesmagd behandelt wird, bekommt in der Inszenierung Gelegenheit zu einer starken Gegenrede. Mercy Dorcas Otieno fragt mit einem Text der ghanaischen Autorin Ama Ata Aidoo: „Wo wäre die Welt ohne Afrika?“ Und sie macht die Rechnung auf, nach der der Kontinent sich alles zurückholen wird, was ihm geraubt wurde.

Und auch am Schluss wird Ibsen verbessert. Anne Rietmeijers Solvejg fällt aus der Rolle, in die sie ein alter Mann geschrieben hat. Sie rebelliert gegen die Festlegung auf die Erlöserin, die als Heimchen am Herd wartet auf den die Welt erkundenden Mann. Das Drama löst sich auf, weil seine Figuren nicht mehr mitspielen.

Das ist streckenweise hoch suggestiv gearbeitet. Immer wieder greifen die Darsteller zu Musikinstrumenten. Da kriecht Rietmeijer mit einem Akkordeon über die Spielfläche, schiebt es vor sich her wie eine Raupe und entlockt ihm dabei Töne. Das Drama bekommt musiktheatralische Züge, weil Teile der Handlung in solche Songeinlagen ausgelagert werden. Das (Nicht-)Hochzeitschaos am Hof der Trolle wird zur wilden Jam-Session.

Die große bewegliche Spielfläche, die zur Wand hochgeklappt werden kann (Parizek gestaltete auch die Bühne), wird als Rutschfläche benutzt. Einmal, beim Schiffbruch, thront Peer oben auf einem Stuhl über dem Geschehen um den ertrinkenden Koch. In einer Szene spielt Drexler mit ihrem Schatten, in der Knopfgießer-Szene greift Konstantin Bühlers Schatten nach ihr. Solche Effekte wären sicher imposant, erlebte das Publikum sie an Ort und Stelle. Auf dem Rechner-Monitor entfalten sie ihre Aura nicht, da ist alles schon medial vermittelt. Gerade weil die sieben Darsteller so viele Gestaltungsmittel einsetzen, wünscht man sich und ihnen das Live-Erlebnis. Im Augenblick bleibt nur der Schwenk der Kamera durch den Zuschauerraum, in dem sich Techniker und Regie-Team verlieren, während der rheinländisch sprechende (und nicht berlinernde) Begriffenfeldt von den wenigen schwadroniert, die „übrich jebliebn“ sind.

Die Livestream-Premiere zeigt: Das Theater lebt noch, es will sich zeigen. Es hat uns auch noch einiges zu sagen, das gerade in dieser Zeit Relevanz hat. Selbst wenn es den ambitionierten Text eines alten weißen Mannes so ungestüm und rücksichtslos in eine Form bringt, die zu dem passt, was heute in woken Kreisen als zeitgemäß empfunden wird.

Noch einmal am 15.5.,

Tel. 0234/ 3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

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