Paula Modersohn-Becker im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal

Tiefblaue Augen: Paula Modersohn-Beckers Gemälde „Kopf eines kleinen Mädchens mit Strohhut“ (1904) ist im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum zu sehen. - Fotos: Museum

WUPPERTAL - Ganz nah scheint der Betrachter dem kleinen Mädchen zu kommen. Ihre Gesichtshaut wirkt plastisch, die Farbe in den genau modellierten Hautpartien wurde mit vielen kleinen Strichen aufgeraut. Und die großen blauen Augen des Kindes blicken tiefernst. Die Landschaft, vor der das Mädchen steht, versinkt dagegen in der Unschärfe vager Flächen in Braun und Graublau.

Das Bild „Kopf eines kleinen Mädchens mit Strohhut“ (1904) von Paula Modersohn-Becker ist im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal zu sehen. Das Haus zeigt von Sonntag an die Ausstellung „Paula Modersohn-Becker. Zwischen Worpswede und Paris“. Museumsdirektor Gerhard Finckh sagt, dass in Wuppertal mit 22 Gemälden und weiteren Arbeiten auf Papier die zweitgrößte Sammlung von Werken der Künstlerin verwahrt wird. Grund genug, sich ihr einmal ausführlich zu widmen. Die Ausstellung entstand als Koproduktion mit dem Rijksmuseum Twente in Enschede, wo sie zuerst zu sehen war.

Die von Beate Eickhoff kuratierte Schau bietet nicht nur eine umfassende Übersicht über die Entwicklung der Malerin, sondern umgibt sie jeweils mit Arbeiten von Zeitgenossen. So erscheint die bekannte Malerin im Spannungsfeld zwischen dem Künstlerdorf in der norddeutschen Provinz und der europäischen Metropole.

Paula Modersohn-Becker (1876–1907) wurde in Dresden als Kind einer gutbürgerlichen Familie geboren. Ihr Leben ist als ein Emanzipationsprozess zu deuten, der mit ihrem frühen Tod abrupt endete: Sie starb wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter an einer Embolie. Museumsdirektor Finckh findet es reizvoll zu spekulieren, wie die Künstlerin sich weiterentwickelt hätte. Aber sie hatte eben nur gut zehn Jahre, um ein überraschend umfangreiches Werk zu schaffen: Rund 700 Gemälde und 1000 Zeichnungen fand man nach ihrem Tod. Sie malte und zeichnete vor allem für sich selbst. Zu Lebzeiten verkaufte sie nur wenige Bilder und hatte nur zwei Ausstellungen.

Ende des 19. Jahrhunderts gab es für Frauen nur wenige Möglichkeiten, Kunst zu studieren. Paula Becker ging mit 20 Jahren nach Berlin und kam sogar in eine Aktklasse, und eine Erbschaft ermöglichte ihr, das Kunststudium abzuschließen. Immer wieder macht sie sich auf den Weg, übersiedelt 1898 nach Worpswede, wo sie den aus Soest stammenden Maler Otto Modersohn kennenlernt, den sie nach dem Tod seiner Frau 1901 heiratet. Viermal reist sie nach Paris, erstmals 1900, das letzte Mal 1906. Dort sieht sie Werke von Cézanne, Gauguin, van Gogh und vielen anderen, die sie tief beeindrucken.

Kuratorin Beate Eickhoff sieht Modersohn-Becker im Spannungsfeld zwischen einem selbstbestimmten Leben als Künstlerin und der Sehnsucht nach einer Familie. Eine Feministin sei sie aber nicht gewesen, betont Eickhoff.

In der Schau sieht man eine Künstlerin an der Schwelle zur Avantgarde, eine Expressionistin, noch ehe sich die Bewegung in Deutschland formiert hatte. Ihr „Stillleben mit Goldfischglas“ (1906/07) ist natürlich noch von Cézanne inspiriert und von Matisse. Aber ihr Bild „Sitzende Mutter mit Kind auf dem Schoß“ (1906) sprengt die Konventionen der Zeit. Schon das Motiv ist provokant: Mutter und Kind sind als Akt dargestellt. Hinzu kommt die expressive Reduktion der Farbigkeit auf Erdtöne, die grobe Betonung der Konturlinien. Schade, dass die „Liegende Mutter mit Kind“ (1906) nicht in Wuppertal zu sehen ist, wo sogar die mütterliche Scham ins Bild gesetzt ist. Aber dafür entschädigen andere Werke wie der „Sitzende Mädchenakt mit Blumenvasen“ (um 1907) mit seiner klar expressionistischen Farbigkeit und dem Raffinement, mit Blumen in Vasen sozusagen eine Waldlichtung zu inszenieren.

Diese Radikalität findet man schon in den früheren Arbeiten der Künstlerin. Die „Birkenallee im Herbst“ lässt das Landschaftsmotiv aufgehen in einen Rhythmus aus weißen Baumstämmen, die braunen Baumkronen werden zu groben Flecken. Und selbst in einem Porträt, das zunächst konventionell und realistisch erscheint wie die Farbkreide- und Rötelzeichnung „Sitzendes Bauernmädchen im Profil nach links“ (1899), offenbart sich ein ungewohnter Blick. Die Künstlerin betont Details, die gegen herkömmliche Schönheitsvorstellungen verstoßen: das fliehende Kinn, die lange Nase. Hinreißend auch das große Porträt der „Alten Armenhäuslerin“ (1905). Die massige Frau thront auf ihrem Stuhl wie eine Fürstin, voller Würde.

In den nach Lebensstationen sortierten Ausstellungsräumen sind den Werken Modersohn-Beckers jeweils korrespondierende Bilder von Zeitgenossen, aber auch aus der alten Kunst gegenübergestellt. So sieht man neben ihrem Selbstbildnis mit Kette (ca. 1903) ein altägyptisches Fayum-Porträt einer Frau (ca 150/200). Landschaften von van Gogh, Stillleben von Cézanne, japanische Farbholzschnitte, aber auch Arbeiten von Worpsweder Künstlern wie dem Jugendstilmaler Heinrich Vogeler und ihrem Ehemann Otto Modersohn und dem Bildhauer Bernhard Hoetger zeigen, wie diese Künstlerin Anregungen aufnahm und daraus eine ganz eigenwillige Bildwelt gestaltete.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 6.1.2019, di – so 11 18, do bis 20 Uhr, Tel. 0202/563 6231, www.von-der-heydt-museum.de, Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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