Paul Koek inszeniert „Moby Dick“ als Rockkonzert

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Fliegende Fische und Live-Musik: Szene aus „Moby Dick“ am Schauspielhaus Bochum. ▪

BOCHUM ▪ Moby Dick, der mächtige weiße Pottwal, ist recht zierlich. Grazil windet sich Therese Dörr in dieser Rolle im engen weißen Kleid auf einem mit Wasser gefüllten, transparenten Gymnastikball. Doch sind die archaische Kraft und das Wesen des Tieres spürbar. Sie ist eins mit dem Wasser des Ozeans, diesem undurchschaubaren Element, das von der Schiffsbesatzung nicht bezwungen werden kann. Von Annette Kiehl

Mit der Inszenierung von „Moby Dick“ als Musiktheater am Schauspielhaus Bochum hat sich der holländische Musiker und Regisseur Paul Koek eine große Aufgabe gesucht. Herman Melvilles Roman umfasst rund 1000 Seiten und gilt nicht nur als großer Abenteuerroman, sondern als Weltentwurf. Der Kampf zwischen dem von Hass getriebenen Kapitän Ahab und dem Ungeheuer aus dem Meer gilt als Parabel für das verzweifelte Streben des Menschen, sich die Natur Untertan zu machen, gar als Sinnbild der beginnenden Globalisierung und einer Diktatur.

Koek versucht, sich dieser Geschichte über die Musik zu nähern. Im Mittelpunkt des Bühnengeschehens stehen eine Band und der Satz: „Das Schiff ist ein großer Klangkörper.“

Dieser wird durch Koeks Band Track zum Klingen gebracht. Als verschrobene Gestalten mit langen Pelzmänteln, zotteligen Mützen und Gewändern bilden die Musiker das Bild der Schiffsbesatzung, und sie bestimmen mit ihren Instrumenten die Atmosphäre. Spontan, denn abgesehen von Absprachen zur groben musikalischen Linie des Abends beruht das Zusammenspiel der Band auf Improvisation.

Vielleicht liegt es an dieser Art des Zusammenspiels von Track, dass die Musik dem bedeutungsschweren Romanstoff eine Leichtigkeit verleiht und verschiedene Nuancen zum Klingen bringt: Ein romantisch-melancholisches Lied zu Beginn, wenn Moby Dick sich an die Menschen wendet und von der Symbiose mit dem Meer berichtet. Später Heavy Metal, kühler Elektropop und zwischendurch auch Ausgelassenes: Zur Dance-Pop-Nummer spuckt die Wal-Frau im Rhythmus vergnügt Wasserfontänen empor in die Luft.

Vor allem aber handelt der Abend von der Sehnsucht. Die Männer auf dem Schiff befinden sich seit Jahren im Schwebezustand zwischen Ozean und Weltall und sind den Kräften der Natur ausgeliefert. Allein der näher rückende Kampf gegen das Wal-Ungeheuer gibt ihrem Leben Sinn und Ziel.

Die Texte, die als Monologe, Gedichte und als Dialog die Musik ergänzen, stammen vom belgischen Autor Peter Verhelst und greifen die Motive Hermann Melvilles und die Emotionen auf: Moby Dick – im Gegensatz zum Roman ist der Wal auf der Bühne als weibliches Wesen dargestellt – betrachtet die Menschen und amüsiert sich über deren Unwissenheit und Unvermögen dem Ozean gegenüber. Die namenlosen Männer an Bord reflektieren über die Brutalität der Leere und Einsamkeit auf dem Schiff, suchen nach Gewissheiten in Philosophie und Naturwissenschaften. Die Herausforderung, im Augenblick Kraft zu finden.

Im Finale des rund anderthalbstündigen Konzertes nimmt Kapitän Ahab den Kampf mit Moby Dick auf. Doch manches, was an Stimmung und Atmosphäre zuvor aufgebaut wurde, fällt in diesem Moment in sich zusammen. Denn Ahab (Werner Strenger) kalauert sich in Koeks Inszenierung durch die Schlussszene. Die Münze, die er in Melvilles Roman als Ansporn für die Mannschaft am Mast heftet, wird zum Gegenstand eines missglückten Zaubertricks, das verlorene Bein gerät zum schlüpfrigen Gag. Das wirkt ratlos.

Erst als Therese Dörr auftritt erhält die Szene wieder Spannung und Tiefe. In einer Umarmung, dem blutigen Kuss, vollendet sich der Kampf zwischen Wal und dem Jäger – oder gar die Liebesbeziehung? Im dunklen Bühnenhintergrund färbt sich das Bullauge blutrot.

28.2., 8., 17., 31.3.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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