Paul Kennedy schreibt die „Casablanca-Strategie“ und weiß, weshalb die Alliierten den 2. Weltkrieg gewannen

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Paul Kennedy ▪

Von Jörn Funke ▪ Als sich der britische Premierminister Winston Churchill und der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt im Januar 1943 in Casablanca trafen, um die bedingungslose Kapitulation Deutschlands zu fordern, sah es auf den Kriegsschauplätzen gar nicht so gut für die Alliierten aus. Zwar ging in Stalingrad gerade die 6. deutsche Armee unter, doch im Nordatlantik versenkten deutsche U-Boote reihenweise alliierte Schiffe und am Himmel über dem Reich brach eine angloamerikanische Luftoffensive praktisch zusammen.

Wie gelang es den Alliierten, das Blatt zu wenden, fragt der britische Historiker Paul Kennedy und präsentiert seine Antworten in einer bemerkenswert falsch betitelten Studie. In der „Casablanca-Strategie“, so der deutsche Titel, geht es weniger um das, was Churchill und Roosevelt dort verabredeten, als um die Fähigkeiten der mittleren Führungsebene, die dabei auftretenden Probleme aus dem Weg zu räumen. „Engineers of Victory“, Ingenieure des Sieges, heißt das Buch im englischen Original.

Der Yale-Historiker ist einem breiten Publikum durch seine 1987 erschienene Studie „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ bekannt, in der er das Verhältnis zwischen Wirtschaftskraft und militärischer Macht untersucht. Die Alliierten hatten im Zweiten Weltkrieg überlegene Ressourcen. Aber entscheidend, so heißt es in der „Casablanca-Strategie“, sei ihre Fähigkeit gewesen, diese auch nutzbar zu machen.

Der Wehrmacht attestiert Kennedy eine überlegene Kampfkraft, den Westalliierten dagegen eine besondere Kultur der Ermutigung und Problemlösung. Eine Vielzahl kleiner Verbesserungen in taktischen und technischen brachte Briten und Amerikanern – und letztlich auch den russischen Verbündeten – so entscheidende Vorteile.

Kennedy bringt Beispiele. In britischen Laboren entwickelten skurrile Forscher Blendscheinwerfer, Radargeräte und Unterwassergranaten, mit denen sich U-Boote aufspüren und versenken ließen. Marine und Luftwaffe beschränkten sich nicht mehr auf Konvoibegleitung, sondern gingen offensiv gegen die Bedrohung vor. Die alliierte Luftoffensive kam wieder in Schwung, als die Jagdflugzeuge ihre Reichweite durch Abwurftanks erhöhten – aus Pappmaché, damit die Deutschen sie nicht weiterverwenden konnten.

Paradebeispiele alliierter Zusammenarbeit sind für Kennedy die P 51 „Mustang“ und der T 34. Dass das US-Jagdflugzeug mit einem britischen Rolls-Royce-Motor praktisch unschlagbar sein würde, fiel einem Testpiloten auf – seine Anregung wurde aufgenommen. Die Fähigkeiten des russischen Panzers erkannten amerikanische Ingenieure, die zahlreiche Konstruktionsfehler beseitigen.

Auch taktisch zeigten sich die Alliierten lernfähig. Nach bitteren Fehlschlägen, wie einer katastrophalen Versuchslandung bei Dieppe 1942, perfektionierten sie amphibische Operationen bis zur entscheidenden Invasion in der Normandie 1944. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs hat Kennedy mit seinem Werk um einige bemerkenswerte Aspekte bereichert.

Paul Kennedy: Die Casablanca-Strategie. Wie die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen. Januar 1943 bis Juni 1944. Verlag C. H. Beck: München 2012. 448 Seiten. 24,95 Euro.

Quelle: wa.de

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