Paul-Georg Dittrich inszeniert den „Sommernachtstraum“ als Multimedia-Spektakel

Zwischen den Bobs zaubert Puck (Clemens Dönicke): Szene aus dem „Sommernachtstraum“. Foto: Machado Rios

Oberhausen – Gleich vierfach tritt Bob der Baumeister unter das Publikum auf dem Ebertplatz. Im aufgekratzten Tonfall einer Dauerwerbesendung nehmen sich die vier vor, die Liebe zu reparieren. Shakespeares „Sommernachtstraum“ beginnt vor dem Theater Oberhausen mit einem „Videowalk“, bei dem man den ersten Akt auf dem Tablet betrachtet. Bis die verstörte Helena (Lise Wolle) eingreift, ihre unerwiderte Liebe vorträgt und den Besuchern die Kopfhörer abstreift.

Die Bobs, die gerade noch ihren Mutmachtanz aufführten („Wir schaffen das!“), geleiten die Zuschauer ins Haus. Nur ein Teil von ihnen geht ins Parkett. Die übrigen werden auf die Bühne gewiesen. Ein Bob verspricht: „Diese Erfahrung wird Ihr Leben verändern!“

Ganz so hoch muss man das Multimedia-Spektakel nicht hängen, das Paul-Georg Dittrich inszenierte, 1983 geboren, ein Shooting-Star der Opernregie. Aber an- und aufregend ist der Angang doch, Shakespeares große Komödie um die Verwirrung der Liebe so zu zerlegen und mit Verweisen auf andere (pop-)kulturelle Phänomene gleichsam zu pimpen. Aus dem höfischen Gelegenheitsstück wird streckenweise ein Mitmach-Happening. Große Partien der Handlung werden dabei souverän ignoriert. Das irdische Fürstenpaar Theseus und Hippolyta erscheint nur im Video, recht uncharmant als Steinzeitmenschen im Fell, und von ihren Heiratsplänen ist keine Rede. Real sieht man nur ihre Alter egos, die Feenherrscher Oberon (Jan Viethen) und Titania (Elisabeth Hoppe), die auf der Drehbühne ihren Streit austragen, indem sie Stoffpuppen verhauen und herumwerfen. Es ist ja für den heutigen Betrachter in diesem sexuell aufgeladenen Stück befremdlich genug, dass Oberon von ihr einen Knaben fordert, auf den sie nicht verzichten will. Das überlagert sich mit den irdischen Liebeswirrungen um Hermia, für die ihr Vater eine Zwangshochzeit mit Demetrius arrangiert hat, während sie Lysander liebt, mit dem sie dann auch in den Feenwald flieht. Helena, die Demetrius begehrt, verrät das Paar.

Das alles wird in Oberhausen erzählt, in einem Spielraum, der Bühne und Parkett einbezieht, unter Segelflugzeugen, denn was ist Shakespeares Kuddelmuddel anderes als eine Bruchlandung der Flugzeuge im Bauch (Ausstattung: Christian Wiehle)? Aber immer wieder assoziiert Regisseur Dittrich anderes Material in das Spiel. Wenn Hermia (Ayana Goldstein) und Lysander (Burak Hoffmann) durchbrennen, dann fantasieren sie sich in den Kino-Klassiker „Bonnie und Clyde“ und sprechen den Text zum projizierten Filmausschnitt nach. Eine Jazzquartett um den Saxophonisten Jan Klare und den musikalischen Leiter Tobias Schwencke am Klavier spielt melancholische Weisen. Wenn Puck (Clemens Dönicke) den Zaubertrank besorgt, erscheint er im Video wie ein Internetinfluencer, und Oberon tobt auf der Bühne, dass ihm, dem „Kön-ich“, die Show gestohlen wird und er da rein wolle. Die gebrochene Stimmung wird noch unterstrichen dadurch, dass die Darsteller Opernarien singen. Und die von Oberon grausam verhexte Titania liebt einen seines runden Plastikkopfs entkleideten Bob. Klaus Zwick macht dabei aus dem Baumeister-Song eine zauberhafte Esels-Canzone.

Am Ende führen die Bobs das Publikum aus dem Theater, aus dem Wald, wieder auf den Platz, wo es statt der Aufführung der Handwerker ein paar nette Spielchen gibt. Wie im Drama hat Puck das letzte Wort, allerdings nicht von Shakespeare, sondern Heiner Müllers Miniatur „Herzstück“.

Das entfaltet bei passendem Wetter durchaus seinen sommerlichen Zauber, vor allem, weil das Oberhausener Ensemble wieder alles gibt. Man muss Shakespeare nicht so spielen, eher als zweieinhalbstündige Improvisation über seine Motive denn als schlüssige Deutung. Aber man kann es so machen. Für einen vergnüglichen Abend.

5., 7., 8., 28., 29., 30.6.; 3., 5., 6., 7.7.;

Tel. 0208 / 8578 184, www. theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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