Patti Smith verzaubert Pop-Fans in Haldern

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Patti Smith

HALDERN - Eine lebende Legende sorgte am Samstagabend für einen denkwürdigen Auftritt beim 31. Haldern Pop. Die 68-jährige Punkrock-Ikone Patti Smith war hier der unumstrittene Headliner beim Festival am Niederrhein.

Von Frank Zöllner

Weitere erhabene Momente lieferten auch Conor Oberst, My Brightest Diamond und die bezaubernden Söderberg-Schwestern von First Aid Kit.

Mit Wollmütze auf dem Kopf und abgewetztem Sakko schrie Patti Smith ihre Lieder, Beat-Gedichte und Polit-Botschaften in die gebannte Menge. Hits wie „Because The Night“, ruhigere Reminiszenzen an verstorbene Weggefährten von Grateful Death und den 15-minütigen, kombinierten Irrsinn von „Horses“ und „Hey Joe“ sowie der „Rock’n’Roll Nigger“ zeigen die Bandbreite der „Godmother Of Punk“. Das Mitglied der „Rock’n’Roll-Hall of Fame“, dem das Leben sehr oft übel mitgespielt hat, ist immer noch wütend und voller Energie. Mit der eindringlichen Botschaft „Die Zukunft beginnt jetzt“ appellierte sie an die Verantwortung der Menschen für den Erhalt der Erde – nachdrücklich, eindringlich. Sie zeigte auf ihre Gitarre und brüllte: „Das ist die einzige Waffe, die man braucht.“

Conor Oberst in Spiellaune. Der US-Folkmusiker trat auch zusammen mit der Band First Aid Kit auf.

Smith trat bereits 2003 in dem kleinen Dorf am Niederrhein auf, genau wie Conor Oberst. Und der Hochbegabte der US-Folkmusikszene sorgte für weitere schöne Momente. Conor Oberst war mit seiner melancholischen Stimme am Nachmittag die Spontanbegleitung beim Auftritt der bezaubernden schwedischen Schwestern Söderberg von First Aid Kit. Er hatte mit ihnen den Song „King Of The World” aufgenommen. Eben zu dieser Nummer kam Oberst auf die Bühne – wenn man schon mal vor Ort ist... Oberst selbst trat erst später am sonnigen Samstagabend auf die Bühne und wurde von der jungen US-Folkband Dawes begleitet. Außerdem revanchierten sich die First-Aid-Kits als Background-Sängerinnen bei ihm. So gab es mitunter einen Singkreis mit Leuten aus drei Bands.

Ungläubiges Staunen zeigten die drei Jungs von The Augustines aus Brooklyn. Ihr hemdsärmeliger Rock á la Bruce Springsteen sorgte für begeisterte Fans. Diese Reaktionen veranlassten die Band dazu, ihr Konzertende in die Länge zu ziehen, um jeden Augenblick der hohen Wertschätzung auszukosten.

Entspannt-sphärischer ging es später am Samstag beim britischen Songwriter Fink zu, und auch der junge Ire Hozier überzeugte mit eingängigen und gefühlvollen Melodien.

Die einzige deutsche Stimme im Festivalprogramm hatte es am schwersten. Der Ostfriese Enno Bunger musste im Spiegelzelt parallel zu Patti Smith auftreten – und fand trotzdem ein Publikum für seine traumhaften Arrangements. Der klassisch ausgebildete Organist fing in seinen poetischen Liedern am Keyboard extrem leise und schüchtern an. Zum Ende allerdings bot er mit seiner Begleitband eruptive Ausbrüche, also den kompletten Kontrast.

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31.Haldern-Pop-Festival

Unter widrigen Wetterbedingungen musste das Festival allerdings starten. Am frühen Freitag Abend waren nur etwa 400 Leute auf dem Hauptplatz, dafür gab es lange Schlangen vor dem Spiegelzelt, der zweiten großen Bühne. So sah es beim Auftritt von My Brightest Diamond aus. Das lag aber nicht an der musikalischen Qualität der Ausnahmesängerin Shara Worden, sondern am kräftigen Dauerregen. Sie und ihre zweiköpfige Begleitband trotzten allerdings den Wetterfronten genau wie die andächtig lauschenden Fans. Unterstützt wurde das Trio bei ihren Interpretationen zwischen Kammermusik, Kabarett und Rock von dem aus Berlin stammenden Orchester Stargaze, das bereits im Vorjahr in Haldern war und These New Puritans mit ihren voluminösen Bläsersätzen begleitete. Die klassischen Musiker sind zudem seit Jahren Gast am Niederrhein und meistens in der St. Georg Kirche im Dorfkern zum jeweiligen Festivalauftakt zu finden. Diese Art von Zusammenarbeit ist typisch für Haldern. Künstler, die vor Jahren in Haldern aufgetreten sind, sich kennenlernen und wertschätzen, starten verschiedene Kooperationen.

Die gesamte Bandbreite von My Brightest Diamond wurde in den letzten beiden Liedern spürbar. Erst gab es ein Schlaflied, dann das eruptive „Inside A Boy“.

Ansonsten war der Freitag der Tag der Solokünstler. Der Australier Ry X sorgte im Spiegelzelt für einen minimalistisch-sphärischen Elektrosound. Gleiches galt für Chet Faker. Der australische Soulsänger mit Vollbart war mit durch seinen Keyboard erzeugten Loops in weiten Teilen seine eigene Begleitband. Er lieferte einen modern interpretierten Beat und Soul und ihm gelang eine erstaunliche Version des Rap-Hits „No Diggity” von Dr. Dre, den er bis auf die Knochen häutete.

„Merkwürdig anders” hieß zu alledem recht passend das diesjährige Motto der Festivalmacher, die nun im 31. Jahr in der Dorf-Idylle am Niederrhein das wie immer mit 6500 Zuschauern ausverkaufte Haldern Pop veranstalteten.

Gefragte Newcomer gab es auch in diesem Jahr in dem musikalischen Wunderland. Zwar musste Shootingstar George Ezra („Budapest”) wegen Ermüdungserscheinungen seinen Auftritt kurzfristig absagen, aber mit dem Iren Hozier, dem smarten Briten Sam Smith und dem Elektro-Soulsänger Kwabs gab es genügend Nachwuchskräfte auf der Insel des guten Geschmacks zu entdecken. Wahrscheinlich wird von ihnen später noch in anderen Zusammenhängen gesprochen werden.

Nicht von ungefähr traten hier Mumford & Sons, Kings Of Leon oder Franz Ferdinand auf – und mussten noch auf ihren Durchbruch warten.

Quelle: wa.de

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