Patrick Marnhams Atombomben-Buch „Schlangentanz“

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Die Boden-Crew der „Enola Gay“ um Pilot Paul Tibbetts (M.) posiert vor der B-29 („Fliegende Festung“), von der die Atombombe „Little Boy“ über Hiroshima abgeworfen wurde.

Die Hopi-Indianer in Arizona hatten einen rituellen Tanz mit lebenden Klapperschlangen. Die Tiere verkörperten dabei Naturgewalten, vor allem die Blitze der Gewitter. Dieser Tanz gibt Patrick Marnhams Buch den Titel. In „Schlangentanz“ unternimmt der Korrespondent der BBC eine reale wie geistige Reise zu den Ursprüngen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki.

Im Süden der USA entfesselten die Physiker ganz andere Naturkräfte, und nicht symbolisch, sondern mit sehr furchtbaren Wirkungen.

Das Buch erschließt sich nicht sofort und leicht. Man muss sich auf die anspruchsvolle Konstruktion einlassen, die von literarischen Reminiszenzen zu ganz handfesten Reiseerlebnissen springt. So erfährt man einerseits von den korrupten Zollbeamten in Afrika, andererseits referiert Marnham auch aus Joseph Conrads großem Afrika-Roman „Herz der Finsternis“. Und auch die Beobachtungen des Soziologen und Ethnologen Aby Warburg finden ihren Platz.

All das ist durch feine Linien miteinander verbunden, die Personen (zu denen noch der Physiker und wissenschaftliche Leiter des Atombombenprojekts Robert Oppenheimer tritt), die Orte Kongo, wo das Uran zuerst abgebaut wurde, New Mexico, wo die Bomben entwickelt, und Japan, wo ihre Wirkungen im realen Einsatz erprobt wurden. Das wirkt zunächst verspielt. Aber es weitet auch den Horizont auf die vielen Umstände, deren Zusammentreffen erst die furchtbare Massenvernichtungswaffe ermöglichte. Nur der brutale Kolonialismus des belgischen Königs erschloss die Rohstoffe für die Bombe. Und vielleicht lässt sich eine so verästelte Geschichte auch nicht an einem roten Faden entlang erzählen. Marnham nimmt den Leser mit rund um den Globus, folgt den Lebenswegen vieler Wissenschaftler, schließlich waren am Manhattan Project mindestens 21 Nobelpreisträger beteiligt. Und immerhin zwei Physiker verweigerten sich aus moralischen Gründen dem Bau der Waffe, Max Born und Lise Meitner.

Und bei aller Umständlichkeit, bei allem Ästhetizismus packt Marnham seine Leser dann doch. Und zwar wenn er berichtet, wie General Leslie Groves das Kommando über die Waffe bekommt. Wie die US-Politik durch den Tod von Präsident Roosevelt genau dann geschwächt wird, als ihre Stärke gefordert war. Wie Roosevelts nicht gewählter Nachfolger Truman den Planungen des Militärs nichts entgegenzusetzen hatte. Es ging ja auch gar nicht um taktische Ziele, wie immer behauptet wurde. Es drohte kein Blutbad an US-Bodentruppen im Fall einer Invasion. Der Einsatz der Bombe sollte etwas anderes absichern, so Marnham, „die Erlangung der Weltmacht“.

Immerhin, einen kleinen Sieg über den Zynismus der Generäle errangen Truman und sein Kriegsminister: Sie strichen Kyoto von der Zielliste. Eigentlich sollte diese Stadt, wegen ihrer kulturellen Bedeutung, als erste angegriffen werden. Sie wurde verschont. Aber am Ende wurden zwei Bomben gegen ein bereits besiegtes, zur Kapitulation bereites Land eingesetzt. Es gab eben zwei Modelle, die Uranbombe „Little Boy“ und die Plutoniumbombe „Fat Man“, und die mächtigste Armee der Welt wollte eben wissen, ob und wie beide funktionierten. „Man brauchte exakte Daten: thermische Strahlung, Feuerball, Gammastrahlen, Fallout, Strontium 90, Verletzungen durch die Druckwelle, Verbrennungen durch Lichtblitze, Ganzkörper-Strahlendosen, Schädigung von Eierstöcken und Hoden, induzierte Mutationen.“

Patrick Marnham: Schlangentanz. Deutsch von Astrid Becker und Anne Emmert. Berenberg Verlag, Berlin. 376 S., 25 Euro

Quelle: wa.de

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