Patrick Leigh Fermors Bericht „Die unterbrochene Reise“

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Patrick Leigh Fermor (1915–2011)

Von Ralf Stiftel Die resolute Rosa weiß, wie man einen abgerissenen Wanderer anspricht, der fern in der Walachei in den Regen geraten ist: „Sie sehen aus wie eine ersoffene Ratte!“ Und sie päppelt den 19-jährigen Patrick Leigh Fermor auf in dem kleinen Hotel in Rustschuk mit einem heißen Bad, Suppe, Rührei. Eigentlich ein Glücksmoment auf seinem „langen Marsch“. Aber sein Rucksack ist verschwunden, gestohlen aus dem Café, in dem er abgestiegen war.

Fermor hatte sich 1933 auf ein Abenteuer eingelassen, als er nach einer unglücklichen Affäre der Schule verwiesen wurde und nicht recht wusste, was tun. Er beschloss, Europa bis nach Istanbul zu Fuß zu durchwandern. Sehr viel später wurden daraus Bücher, die 2006 und 2007 auf deutsch erschienen, „Die Zeit der Gaben“ und „Zwischen Wäldern und Wasser“. Fermor, der sich 1944 als Kriegsheld hervortat, als er auf Kreta den deutschen General Kreipe gefangennahm, wurde einer der berühmtesten britischen Reiseschriftsteller. Die Schilderungen seiner Jugendreise waren legendär. Allerdings endete der zweite Band an der Donau, am Eisernen Tor. Fermors Leser warteten auf die versprochene Fortsetzung, den Abschlussband. 2011 starb der Autor. In seinem Nachlass fanden Colin Thubron und Artemis Cooper ein Manuskript. Es war nicht so ausgefeilt wie die anderen Bücher Fermors. Aber es erzählt den letzten Teil der Geschichte fast bis zur Ankunft in Istanbul – tatsächlich bricht es mitten im Satz ab.

Dieser Text liegt nun im Band „Die unterbrochene Reise“ vor, zeitgleich mit der englischen Ausgabe. Wenn der Autor auch mit seiner Erzählung rang, längst nicht fertig war mit streichen, umformulieren, verbessern, so erklingt hier noch einmal der typische Ton des Wanderers, der so unvergleichlich in eine Welt eintaucht, die schon damals verloren war, von gestern. Im Manuskript wagt Fermor nicht, seine damals noch lebenden Freunde in Bukarest aufzuzählen. Er fürchtete, dass ihnen vom kommunistischen Regime Repressionen gedroht hätten.

Tatsächlich begann der Buchplan mit dieser Etappe. Eine Zeitschrift hatte 1962 Fermor um einen Artikel über „die Freuden des Wanderns“ gebeten. Dieser Artikel wuchs und wuchs, wurde aber nicht fertig. Stattdessen begann Fermor noch einmal von vorn, der erste Band erschien im Original 1977.

Die beiden Bücher, führt das Vorwort aus, hatte der Autor aus dem Gedächtnis geschrieben. Seine Notizbücher waren verloren gegangen. In den letzten Band aber flossen auch seine Aufzeichnungen ein. Vielleicht wirkt er darum so frisch, näher am Protagonisten. Hier spürt man Melancholie, ja Verzweiflung in den weniger glücklichen Momenten. Als er auf dem Bergpass im Schipka-Balkan erschöpft, mit einem wunden Fuß, einen Kutscher anhält – der Geld fürs Mitnehmen verlangt. Und ein zweiter auch. Beim Haus in der Einöde bleiben die Türen verschlossen. Er schleppte sich weiter, „nach Norden und bergabwärts, fluchte, zeterte und brüllte laut, Tränen der Wut und Enttäuschung in den Augen“.

Aber das ist auch nur ein Moment. Vor allem ist dies eine Schilderung glücklicher, zuweilen absurd komischer Abenteuer aus einer Region, die in den Tagesnachrichten ganz anders dargestellt wird. Diese Etappe führt durch Bulgarien und Rumänien. Fermor begegnete den Menschen, und er wurde meistens freundlich und großzügig aufgenommen, auch als abgerissener Habenichts. Fermor legt neugierig, aber nicht unkritisch Zeugnis ab vom überschäumenden Nationalismus seines bulgarischen Freundes Gatcho. Er schildert die Nöte eines deutschen Diplomaten, der angesichts der noch frischen NS-Diktatur fragt, was sein Besucher vom Spruch halte „Right or wrong, my country“. Und er berührt mit Porträts zum Beispiel von Nadeshda, mit der er auf Bäume klettert, oder von Rosa, der er Schlager rückwärts vorsingt.

Man kann sich in diesem Buch über grandiose Naturschilderungen freuen zum Beispiel des gewaltigen Storchenzugs am Tundschatal. Wie heiter berichtet Fermor von dem Hund, der ihn eine Nacht lang begleitet, vom geschwätzigen Barbiersgesellen Iwancho, der sich partout nicht abschütteln ließ, von den wilden Schäfern, in deren Höhle er sich nach einem Sturz in ein Sumpfloch erholt und die ihm ihre wilden Tänze vorführen. Hinreißend auch das Kapitel aus Bukarest, wo er erst im Savoi-Ritz absteigt, das sich als Stundenhotel mit freilich sehr fürsorglichen Huren entpuppt, und dann in die bessere Gesellschaft gerät einschließlich eines Empfangs für Arthur Rubinstein.

Ein magisches Buch, auch in dieser etwas provisorischen Form. Konstantinopel, bzw. Istanbul kommt allerdings fast gar nicht vor, die Tagebuchnotizen sind karg. Dafür gibt es einige Seiten, die er auf seiner anschließenden Reise von Kloster zu Kloster auf dem Berg Athos schrieb. Da spürt man, wie er die Liebe seines Lebens findet, die Faszination für Griechenland, über das er später noch einige Bände schrieb.

Patrick Leigh Fermor: Die unterbrochene Reise. Deutsch von Manfred und Gabriele Allié. Dörlemann Verlag, Zürich. 464 S., 26 Euro

Quelle: wa.de

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