Patrick Leigh Fermor schildert „Die Entführung des Generals“

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Patrick Leigh Fermor

Von Ralf Stiftel - Generalmajor Heinrich Kreipe nannte es einen „Husarenstreich“. Dabei war der deutsche Offizier das Opfer. Ein britisches Spezialkommando hatte ihn am 26. April 1944 mitten im besetzten Kreta entführt. Der 29-jährige Major Patrick Leigh Fermor leitete das tollkühne Unternehmen.

Fermor (1915–2011) wurde nach dem Krieg ein bekannter Schriftsteller, der hinreißende Reisebücher verfasst hat. Aber er schrieb erst 1966 seine Version der Geschichte auf, die da schon verfilmt worden war. „Ill Met by Moonlight“ war 1957 der erfolgreichste Film in Großbritannien. Jetzt hat der Dörlemann Verlag in Zürich, der Fermors Werk pflegt, den Text herausgebracht. Auch für Leser, die mit Kriegsabenteuern nicht viel anfangen können, lohnt die Lektüre.

Fermor feiert sich in „Die Entführung des Generals“ nicht als den großen Kriegshelden. Er schreibt mit britischem Understatement – und mit Skrupeln. Schließlich hatten die deutschen Truppen auf Kreta blutig gehaust. Um jeden Preis sollten Vergeltungsaktionen vermieden werden. So hinterließen Fermor und seine Leute ein Bekennerschreiben, in dem sie betonten, die Entführung ohne Unterstützung aus Kreta ausgeführt zu haben. Vergeblich: Einige Monate später zogen deutsche Truppen mordend und plündernd durch das Amarital – mehr als 450 Kreter starben. Als er die Erlebnisse aufschrieb, wusste Fermor davon natürlich.

Zudem war die Entführung militärisch sinnlos, wie Roderick Bailey, Militärhistoriker an der Universität Oxford, im Vorwort erläutert. Kreta war zu dem Zeitpunkt längst ein Nebenkriegsschauplatz. Und Kreipe, kein überzeugter Nazi, war gar nicht Ziel der Entführung. Für ihn entwickelt Fermor sogar Sympathien, die man dem Text abliest. Nach dem Krieg trafen sich die früheren Gegner wieder. Eigentlich hatte Friedrich Wilhelm Müller, der „Schlächter von Kreta“, gekidnappt werden sollen. Aber der war kurz vorher von Kreipe abgelöst worden – und kehrte nach der Entführung zurück, worunter die Zivilbevölkerung zu leiden hatte.

Fermors Text geht auf einen Auftrag zurück, er sollte einen Beitrag zu „Purcell’s History Of The Second World War“ liefern. Er schrieb 30 000 statt der bestellten 5000 Wörter. Der Herausgeber musste brutal kürzen. Das vorliegende Buch, aus dem Nachlass, bietet Fermors ganze Erzählung.

Das ist einerseits durchaus spannend, wie Fermor die Logistik einer solchen Agentenmission beschreibt, die Ausrüstung, die Wahl von Mittätern und des richtigen Orts, die listige, aber auch riskante Entscheidung, nicht direkt zur Küste zu fahren, sondern den Weg durch das Land und vor allem durch die Stadt Herakleion zu nehmen, wo die deutschen Truppen saßen. Und er lässt auch die weniger heroischen Aspekte nicht aus: Auf der Flucht schliefen er, sein Kamerad Billy und der General unter einer Decke: „In solchen Höhlen gibt es immer Ungeziefer, aber meine beiden Bettgenossen litten darunter mehr als ich, abgehärtet wie ich nach fast zwei Jahren solcher Attacken war.“

Aber mehr noch ist dies erneut ein Liebesbekenntnis zu den Menschen, die Fermor besuchte und mit denen er Freundschaften schloss. Er hatte offenbar fast in jedem Dorf einen „Taufbruder“. Und vor allem diesen Kretern setzt er für ihre Tapferkeit und Treue ein Denkmal. Seine Freunde, die Partisanen, beschrieb er wie Helden aus Homers Epen: Yanni Katsias zum Beispiel, „einen mächtigen, zähen, freibeuterischen Riesen wie einen Helden von Kazantzakis, der jeden Stein, jede Quelle, jedes Loch und jeden Pfad an der Südküste kannte. Er ... war bei manchem Viehdiebstahl dabei gewesen, genau der Mann, der uns über vergessene, entlegene Pfade führen konnte...“

Patrick Leigh Fermor: Die Entführung des Generals. Deutsch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Dörlemann Verlag, Zürich. 304 S., 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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