Paolo Magelli inszeniert Lorcas „Bluthochzeit“ in Dortmund

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Lockruf des Mannes: Szene aus „Bluthochzeit“ mit Björn Gabriel, Caroline Hanke und Bettina Lieder. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Die Mutter ahnt das Unheil voraus. Darum verflucht sie das Messer, um das ihr Sohn sie bittet. Den Mann und einen Sohn hat sie verloren bei einer Fehde. Eng ist die Welt, die Federico García Lorca in seiner Tragödie „Bluthochzeit“ beschreibt. Darum hängt die Decke so tief in der Inszenierung von Paolo Magelli am Theater Dortmund. Der Sohn und seine Mutter können sich nicht aufrichten, kriechen in der ersten Szene.

Lorcas Stück, 1933 uraufgeführt, handelt von der unmöglichen Liebe der Tochter eines Großbauern zu einem Habenichts. Der Sohn möchte die Braut heiraten. Sie aber war lange mit Leonardo liiert, einem Verwandten jener Familie, die für die Bluttaten gegen Vater und Bruder verantwortlich war. Leonardo, der hier als einziger einen Namen trägt, hat die Cousine der Braut geheiratet, hat mit ihr ein Kind, und hat doch seine alte Liebe nicht vergessen. In der Hochzeitsnacht flieht er mit der Braut.

Das erinnert an Shakespeares „Romeo und Julia“. Magelli vertraut der Kraft dieser Geschichte und verzichtet auf vordergründige Aktualisierungen. Er formt den Stoff zu einer poetischen Moritat. Die archaische Wucht der Gefühle in einer Gesellschaft vor der Industrialisierung zeigt er in ausdrucksstarken Bildern. Hans Georg Schäfers Bühne schafft die Räume dafür: Die niedrige Decke hebt sich an Stahlträgern, bis man fast das Gefühl hat, die Szene spiele im Freien. Am Ende senkt sie sich wieder auf die zurück gebliebenen Frauen wie ein Sargdeckel, gegen den sie sich verzweifelt stemmen. Und obwohl er die Tragik nicht schmälert, schafft Magelli immer wieder auch geradezu slapstickhaft komische Situationen. In der Brautwerbung zum Beispiel gibt es ein lustiges Gerangel um einen Platz auf einer Bank. Schon daran, wie sich da der Sohn mit einem Eckchen ganz außen begnügt, erkennt man, dass er nicht Mann genug ist für die Frau, die er begehrt. Die Mutter sagt zum Brautvater, er wisse wohl, warum sie gekommen seien. Er bellt „Ja“, sie schnappt zurück: „Und?“ Dass aus solchen Gesprächen nicht glückliche Ehen erwachsen, leuchtet sofort ein.

Auch später gibt es solche Momente, die wie Loriot-Sketche pointiert sind. Und das Pferd, auf dem Leonardo erst durch die weite andalusische Landschaft prescht, später die Braut entführt, es ist ein Gabelstapler mit einer albernen Kinderhupe daran. Die Hochzeitsfeier, später, artet in eine Orgie aus, bei der sich die Gäste, nackt bis auf bunte Schals, auf dem Boden wälzen und mit einem Gartenschlauch bespritzen.

Selbst in den ausschweifenden Momenten aber hält Magelli die Gefährdung der Hauptfiguren präsent. Das kann durch die Musik geschehen, die Paul Wallfisch schuf und die aus der Lebensfreude von Tango und Flamenco immer wieder in schrille Dissonanzen ausbricht. Dann wieder zwingt die Regie das Ensemble in eine strenge Textpartitur. Man höre nur die Segenswünsche an das Brautpaar, Lorcas wunderbar volksliedhafte Verse (in einer Textfassung von Alexander Kerlin), bei denen sich Gäste und Familienmitglieder und selbst der ehebrecherische Leonardo einfügen in ein Ritual, das ebenso wie die niedrige Decke die Zwänge dieser Lebenswelt ausdrückt.

Magellis Inszenierung besticht durch den Reichtum ihrer Mittel und die kluge Balance, mit der sie eingesetzt sind. Er lässt auf durchchoreografierte Ensembleszenen expressive Monologe folgen, er nimmt die physische Arbeit der Schauspieler mit Gesten und Positionsspiel ebenso ernst wie Betonungen und sprachliche Mittel. Er entfaltet Lorcas Stück über die Tragödie unterdrückter weiblicher Sexualität hinaus zu einer dramatischen Weltdeutung. Und so gelingen auch die metaphysischen Figuren, die Bettlerin, die für den Tod steht, und der gauklerische Mond, der aus seiner Jacke eine gelbleuchtende Pappscheibe zieht, die die Häscher zu den geflüchteten Liebenden führt. Eva Verena Müller und Ekkehard Freye geben den Figuren den entrückten Zauber Shakespeare'scher Narren.

Das neue Dortmunder Ensemble löst die hohen Ansprüche überzeugend ein, ob das nun die schlurfige Mutter von Friederike Tiefenbacher ist oder die traumverloren monologisierende Schwiegermutter von Jele Brückner, die verzweifelt gegen ihre Liebe kämpfende Braut von Caroline Hanke oder die trotzige Magd von Bettina Lieder, der jovial-brutale Brautvater von Axel Holst oder der jungenhafte Verführer Leonardo von Björn Gabriel.

11., 19., 26.5., 5., 17.6., 9., 17.7., Tel. 0231/ 50 27 222, http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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