„Panoptikum“ im Wallraf-Richartz-Museum Köln

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Große Katzen, kleine Madonnen: Blick in die Ausstellung „Panoptikum“ im Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Links Simon Meisters dramatischer „Löwenkampf“ von 1835. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ KÖLN–Der erste Eindruck in der Ausstellung „Panoptikum“ ist: Hier müsste mal jemand aufräumen. In Doppel- und Dreierreihen übereinander sind die Wände im Kölner Wallraf-Richartz-Museum mit Gemälden bepflastert. Eine Ordnung ist nicht erkennbar. Simon Meisters „Löwenkampf“ springt den Betrachter an. Lebensgroß türmte der Maler 1835 drei blutig ineinander verbissene Raubkatzen über einen Leoparden, der bereits sein Leben ausgehaucht hat. Von Natur hatte der Meister wenig Ahnung, aber er bietet viel Löwe und viel Kampf.

150 Jahre alt wird das Kölner Museum. Und weil die Mittel knapp sind, feiert es mit kleinem Geldbeutel, aber großer Kreativität. Die Ausstellung bietet in Petersburger Hängung 525 Gemälde, dazu 19 Skulpturen aus dem Bestand des Hauses, die der Besucher sonst nicht sieht, weil sie im Depot lagern. Eine Auswahl von dem, was für die Dauerausstellung nicht gut genug ist. Und nicht einmal das Beste vom Rest. Es wurde gut gemischt, Altar neben Akt, Stillleben neben Landschaft, Porträt neben Porträt, Kitsch neben Kunst. Und es lockt Besucher in Scharen.

Hier darf der Laie ungestört hinter die Kulissen schauen. Keine Titelschildchen, keine langen Tafeltexte. Nur kleine Nummern, die auf das Besucherheft verweisen, wo man Werktitel und Künstler nachlesen kann. In einer Umfrage wird das Lieblingsbild der Massen ermittelt, das länger ausgestellt werden soll als in diesem Querschnitt. Das Museum wagt mehr Demokratie. Mehr als 3200 Karten wurden schon ausgefüllt. Wenn da mal nicht ein furchtbares Machwerk erkoren wird wie Heinrich Ludwig Philippis pompöser Historienschinken „Thusnelda im Triumphzug des Germanicus“. Oder Carl Friedrich Deikers niedlicher „Hund mit Zuckerstück auf der Nase“. Tiere ziehen ja immer, obwohl dieses Stück vielleicht übersehen wird, weil es so klein ist.

2000 Gemälde und 100 Skulpturen vom Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert hat das Museum. Längst nicht alles befinden die Kuratoren für ausstellungsreif. Das hat verschiedenste Gründe. Da hängt zum Beispiel das „Ährenfeld mit Kornhocken“, das 1949 als van Gogh gekauft wurde. Es ist eine Fälschung, wurde auch früh enttarnt. Aber der Händler erkannte das Gutachten einfach nicht an – und das Museum blieb darauf sitzen. Andere Bilder sind „in der Art“ von Jean-Antoine Watteau gemalt, eine alte Kopie nach Adriaen Brouwer oder von einem Nachahmer von Jan Steen. Völlig wertlos sind solche Bilder nicht. Mag sein, dass sie einmal in einer Ausstellung gezeigt werden. Aber die Schätze, die ein Haus vom Rang des Wallraf-Richartz-Museums dauerhaft präsentiert, die sollen echt sein. Und heil. Zwei hässliche Risse stören den Genuss an Maerten van Heemskercks „Anbetung der Hirten“, und es fehlt am nötigen Geld für eine Restaurierung. Oder es ist zu empfindlich: Das hübsche Bildnis eines Mädchens, das Frederick Sandys 1893 schuf, ist ein Pastell auf Papier, das unter Licht ebenso leidet wie unter Erschütterungen.

Natürlich geht es auch um Geschmack. Was vor vielen Jahren als große Kunst geschätzt wurde, das sieht man heute mit weniger Vergnügen an: Eduard von Grützners fescher „Jäger mit Pfeife“ zum Beispiel steht doch für eine überkommene Ästhetik. Hugo von Habermanns schwülstiger „Frauenakt“ (1915) wird von Stoffbahnen in Pink umwallt, die wie Schwaden von dem Zeug wirken, das der Maler bei der Arbeit geraucht haben muss.

Aber es sind auch Werke großer Künstler dabei. Vielleicht passt das kleine Diptychon des Meisters von Liesborn, das die mystische Vermählung des Christuskinds mit der Heiligen Katharina zeigt, nicht in die Dauerausstellung, weil man da noch prächtigere Meisterwerke hat, die man normalerweise nicht so dicht hängt wie hier. Renoir, Gauguin, Liebermann, Corinth, Rohlfs – die sind dauernd in Köln zu sehen, hier hat man die zweite Wahl. Bartholomäus Bruyn war kein schlechter Maler, aber die 15 Bilder hier von ihm, seinem Sohn, seiner Werkstatt geben fast schon eine eigene Ausstellung. Und mehr als ein Dutzend Werke von Wilhelm Leibl?

Um manche Werke ist es freilich schon schade. Michiel van Mierevelds 1633 entstandenes Bildnis einer streng in Schwarz mit weißer Spitze gekleideten Dame mit ihren großen Augen lohnt den zweiten Blick. Ebenso Anton Graffs eindringliches Bildnis von Heinrich Gottfried Bauer (um 1800). Und auch Jean-Baptiste Joseph Bastinés um 1820 geschaffenes Porträt der Frau Hasselbach, einer korpulenten Matrone von beeindruckender Hässlichkeit und dem offensichtlichen Mut dazu. Das sind wirkliche Schätze, die oft im Verborgenen ruhen.

Bis 22.1.2012,

di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0221/ 221 211 19, http://www.wallraf.museum

Quelle: wa.de

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