Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires

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Pankaj Mishra

Von Jörn Funke - China boomt. Indien auch. Und auch Japan ist trotz längerer Rezession immer noch eine der führenden Volkswirtschaften der Welt. Vor gut 100 Jahren lagen diese Länder am Rande der Welt, heute bestimmen sie das globale Wirtschaftsgeschehen – im Falle Chinas mit liberaler Ökonomie und autokratischer Regierung.

Der indische Autor Pankaj Mishra spürt dem Wiederaufstieg Asiens in einem anregenden historischen Essay nach und macht ihn an drei Ideengebern fest.

Inspirationsquelle der gesamten intellektuellen Welt Asiens war die Seeschlacht von Tsushima im Mai 1905. Die japanische Flotte unter Admiral Togo Heihachiro siegte damals gegen die Russen – erstmals geriet eine etablierte europäische Macht gegen einen asiatischen „Newcomer“ unter die Räder. Mahatma Ghandi, noch Anwalt in Südafrika, war genauso beeindruckt wie Mustafa Kemal, der als Soldat im Osmanischen Reich diente.

Für das Erwachen Asiens hatte Jamal al-Din al-Afghani (1838-1897) da bereits eine ganze Weile getrommelt – überwiegend erfolglos. Nach eigenem Bekunden ein „unbedeutender Mann in bäuerlicher Kleidung“, verdingte al-Afghani sich als politischer Berater, Journalist und Lehrer in Afghanistan, Ägypten, Indien und der heutigen Türkei. Ausgewiesen wurde er von den örtlichen Machthabern meist schon nach kurzer Zeit, sein Leben beschloss er nach schwerer Krankheit in bitterer Armut. Seine Wandlung vom liberalen zum radikalen Kritiker der westlichen Vorherrschaft in Asien machte ihn Mishra zufolge zum bis heute geachteten Vordenker antiwestlicher Ideen.

Al-Afghani wies insbesondere die britische Behauptung, Indien zivilisiert zu haben, zurück. Darin dürfte er sich mit dem Dichter Rabindranath Tagore (1861-1941) einig gewesen sein. Der bezweifelte, dass der westliche Weg für die asiatischen Völker der richtige sei und nannte den Aufbau einer Nation nach westlichem Vorbild „nicht die einzige Art von Zivilisation“. Sein Vorbild war der Aufstieg Japans – und dass Japan schließlich China mit Krieg überzog, verstörte Tagore gegen Ende seines Lebens zutiefst.

Das Verhältnis der von Mishra vorgestellten Intellektuellen zum Westen ist nicht frei von Widersprüchen – schließlich strebten auch Inder, Chinesen und Japaner die Bildung von Nationalstaaten an, wie der erfolgreiche Westen es vormachte. Der Chinese Liang Qichao (1873-1929) bracht mit diesen Vorstellungen 1903 zu einer Nordamerikareise auf und kam desillusioniert zurück. Qichao notierte die erbärmlichen Lebenbedingungen der italienischen und jüdischen Einwanderer und die Verachtung für die schwarze und chinesische Minderheit in den Vereinigten Staaten. Während seines Aufenthalts bemächtigten die USA sich des Panamakanals und Präsident Theodore Roosevelt bezeichnete sich selbst öffentlich als „Expansionist“.

Die Monroe-Doktrin, die besagt, dass die USA ein Eingreifen anderer Mächte in der westliche Hemisphäre niemals zulassen dürfen, sei damals Quichao zufolge auf die ganze Welt ausgedehnt worden. Seine Quintessenz ist die Absage Asiens an die Demokratie: Sie müsse sich lange aufbauen, sei nicht zu verordnen oder per Revolution einzuführen. Asien, so der chinesische Denker, müsse noch lange mit autokratischer Herrschaft leben.

. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 441 Seiten. 26,99 Euro.

Quelle: wa.de

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