Paderborn zeigt Ausstellung über die Brueghel-Familie

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Tanzen, schmusen, saufen: Pieter Brueghel d. J. malte den „Hochzeitstanz im Freien“ 1610, zu sehen in Paderborn.

Von Ralf Stiftel PADERBORN - Voller Sinnesfreude lässt Pieter Brueghel der Jüngere die Bauern aus dem flämischen Dorf springen und tanzen zu den Klängen der beiden Dudelsackbläser am rechten Bildrand. Dem eitlen Gockel vorn rechts mit dem Schmerbauch platzt bald die Hose, so produziert er sich vor seiner Partnerin. Andere Paare kuscheln sich aneinander. Kerle heben Krüge und saufen. Und mehrere Männer erleichtern sich an die Wand der windschiefen Kate.

Das pralle Leben schildert der flämische Maler – und das soll das Publikum in Scharen in die Städtische Galerie in der Reithalle nach Schloss Neuhaus locken. Dort, abseits der Kunst-Metropolen, breitet die Ausstellung „Die Brueghel-Familie“ das Werk einer der wohl bekanntesten europäischen Maler-Dynastien aus, erstmals vom Stammvater Pieter Bruegel dem Älteren (1525/30-1569, noch ohne h) bis zu Urenkeln und Schwiegersöhnen. Mehr als 200 Jahre Kunstgeschichte werden fassbar, von der Renaissance nordeuropäischer Prägung bis zum Barock. Die ältesten Werke sind eine Darstellung der Sieben Todsünden von Hieronymus Bosch, einem der wichtigsten Einflüsse auf Pieter Bruegel d.Ä., und eine Madonna von Gerard David, beide aus dem frühen 16. Jahrhundert.

Die Schau führt die ostwestfälische Stadt an Grenzen. Die Galerie wurde sicherheitstechnisch aufgerüstet, ein Pavillon sorgt für einen vernünftigen Empfang. Rund 50 000 Besucher erhofft sich Museumsdirektorin Andrea Wandschneider. Die prestigeträchtige Schau mit rund 140 Gemälden, Zeichnungen und Grafikblättern hat hier ihre einzige deutsche Station.

Pieter Bruegel d. Ä. hat die flämische Malerei des 16. Jahrhunderts auf einen Gipfel gebracht. Er erneuerte die Landschaftsmalerei und entwickelte das Genre der Bauerndarstellungen. Zudem schuf er moralisierende Sprichwort-Bilder. Sein relativ schmales Werk – dokumentiert sind rund 40 erhaltene Gemälde – wurde über das Medium der Druckgrafik populär. In Paderborn sind von ihm immerhin zwei Gemälde zu sehen, eine Landschaft mit dem biblische Gleichnis vom Sämann (1557) und eine „Auferstehung“ (um 1563). Es lohnt sich aber auch, in den Kabinetten die Kupferstiche zu betrachten. Beim grotesken „Kampf ums Geld“ (nach 1570) kämpfen Schatztruhen, Dukatenbeutel, Goldkessel gegeneinander, einige sind noch mit einem Ritter besetzt, aber aus den geschlagenen Wunden strömt kein Blut, sondern Münzen. Beim „Jüngsten Gericht“ (1558) mit einer Hölle voller bizarrer Mischwesen erkennt man den Einfluss von Bosch.

Seine Söhne führten sein Handwerk fort, und sie erwiesen sich als überaus produktiv. Insbesondere Pieter Brueghel der Jüngere (1564-1637/38) malte immer neue Bauernszenen, Dorfansichten, Sprichwort-Bilder. Das Repertoire des Vaters wurde dadurch richtig populär, auch wenn der Sohn den Pinsel nicht ganz so genial führte. Kompositionen wie „Die Vogelfalle“ (1605) fangen mit ihrer erzählerischen Detailfülle sofort den Blick: das winterliche Panorama mit den Menschen, die sich auf dem zugefrorenen Fluss vergnügen, während am Dorfrand die große Todesklappe auf die munter flatternden Vögeln wartet. Wer weiß, mahnt das Bild, was den ahnungslosen Eisläufern droht. Suggestiv auch das kleine Sprichwort-Bild „Die Schmeichler“: Einem großen Mann mit vollem Geldbeutel kriechen viele Menschen ins Hinterteil. Freilich bleibt der Sohn dem Bildrepertoire des Vaters verhaftet. Die Kunstrevolution von einst wurde nach 1600 nostalgisch.

Jan Brueghel der Ältere (1568-1625) löste sich mehr vom Vorbild seines Vaters. Man sieht es schon in seiner Zeichnung der „Vogelfalle“: Er trennt die Motive. Auf der ausgestellten Seite des Blattes (ca. 1595-1600) ist nur die Winterlandschaft mit den Eisläufern zu sehen. Die Vogelfalle wiederum ist auf der Rückseite aufgemalt. Ein Genuss, diese feinteilige Linienführung zu studieren. In seinen Landschaftsgemälden verzichtet Jan auf die moralische Pointe. Er ist eher Naturalist, beschreibt Alltag, und ein Motiv wie die Badenden in einer Flusslandschaft (ca. 1595-1600) ist überraschend modern. Jan spezialisierte sich auf Landschaften voller Tiere und auf Stillleben, sein Beiname lautete Blumen-Brueghel. In der Tafel „Einzug in die Arche Noah“ (ca. 1615) zeigt er seine Meisterschaft in der Darstellung exotischer Tiere wie Löwen, Leoparden, Affen, Papageien. Überaus beliebt waren Kooperationen mehrerer Kunst-Spezialisten, so malte Jan den schwelgerischen Blumenkranz um eine Madonna von Peter Paul Rubens (ca 1616-1618).

Die nächste Generation geht andere Wege. Jan Brueghel d.J. (1601-1678), Sohn Jans d.Ä., wendet sich an ein Publikum mit Sinn für klassische Bildung. Von ihm sind in Paderborn mehrere Serien allegorischer Darstellungen ausgestellt, mal Feuer mit Schmiede des Gottes Vulkan in einer malerischen Ruine, mal Luft mit einer bunten Vogelschar in der Nachfolge seines Vaters (um 1630), mal stellt er Krieg und Frieden in einem Bilderpaar gegenüber (um 1640). Und Jans Enkel Abraham Brueghel (1631-ca. 1664) tat sich gar mit dem römischen Maler Luigi Garzi zusammen für große Figuren-Allegorien im Stil des italienischen Barock („Allegorie des Sommers“, 1670-75).

Die Familie folgte dem Zeitgeschmack. Immer wieder aber machten jüngere Generationen Errungenschaften fruchtbar. David Teniers, Schwiegersohn von Jan d.Ä., wurde einer der bekanntesten flämischen Maler von Genreszenen aus dem Bauernmilieu. Und Jan van Kessel, Jan Brueghels Enkel, schuf grandiose Stillleben mit Schmetterlingen und Insekten. Die Nische mit feinen Tierporträts wie aus einem biologischen Kabinett, zwei Tafeln davon auf Marmor gemalt, gehört zu den Höhepunkten der Schau.

Die Brueghel-Familie in der Städtischen Galerie in der Reithalle Schloss Neuhaus, Paderborn.

Bis 21.6., di – so 10 – 18, do bis 22 Uhr,Tel. 05251 / 882 002, www.brueghel-ausstellung.de,

Katalog, Druckverlag Kettler, Bönen, 38 Euro

Quelle: wa.de

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