Paderborn entdeckt den Maler Albert Weisgerber

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Das Portrait als Psychogramm: Albert Weisgerber malte das Bildnis Freiherr von Paur 1912, zu sehen ist es in Paderborn.

Von Ralf Stiftel -  PADERBORN Kleine Augen hat der Freiherr von Paur auf dem Bildnis, das Albert Weisgerber 1912 malte. Das Bild folgt durchaus den Konventionen eines repräsentativen Porträts. Der Freiherr ist als Jäger dargestellt, das Gewehr in der Hand, mit rustikaler Kleidung, den treuen Hund zu Füßen. Aber das Licht hat der Künstler so subtil eingefangen, das Spiel mehrerer Schatten auf der bewusst diffus gehaltenen hellen Wand. Und wie sicher traf er den etwas gelangweilten, etwas hochmütigen Ausdruck des Mannes.

Die Städtische Galerie in der Reithalle Paderborn Schloss Neuhaus zeigt eine Werkschau von Albert Weisgerber. Der Künstler, 1878 in St. Ingbert im Saarland als Sohn eines Bäckers geboren, stand am Anfang einer hoffnungsvollen Karriere. Er war zunächst Präsident der Münchner Secession, später Mitglied der Berliner Secession. Er war an der Sonderbund-Ausstellung in Köln beteiligt. Dann brach 1914 der Krieg aus. Weisgerber, der aus Patriotismus an die Front ging, fiel 1915 bei Ypern. Und er geriet, jenseits seiner Heimat, in Vergessenheit. An der Saar freilich gedachte man seiner. Als mitten im Zweiten Weltkrieg die Nazis seine Werke, die als „entartet“ galten, verschleudern wollten, da griff der Bürgermeister zu. So kam ein großer Werkkomplex nach St. Ingbert. Vor allem aus dieser Quelle speist sich die Paderborner Schau, die mit 55 Gemälden und 15 Arbeiten auf Papier das Werk in seiner Breite umreißt.

Weisgerbers Nachruhm leidet vielleicht auch darunter, dass er kaum unter eins der kunsthistorischen Etikette passt. Anfangs, noch während seines Studiums, arbeitete er als Zeichner für die Zeitschrift „Jugend“, entwarf Plakate. Dieser umfangreiche Werkkomplex, der nur mit wenigen Beispielen in der Schau dokumentiert ist, ist vom Zeitgeist geprägt, elegante Jugendstil-Karikaturen.

Seine Malerei hingegen steht zwischen Impressionismus und Expressionismus. 1905 kam er das erste Mal nach Paris, mit seinem Studienfreund und Malerkollegen Hans Purrmann, und traf Henri Matisse. Die französische Kunst beeindruckte ihn tief. Er war ein vorzüglicher Porträtist, und gerade da hat die Schau ihre Stärken. Wie er im „Mädchen mit rotem Kleid“ (1902) die Distanz, die Scheu des jungen Modells festhält, ist bemerkenswert. Überaus elegant ist die „Dame mit Windhund“ (1905), ein großbürgerliches Porträt seiner Frau Margarete. 1904 malt er Männer im Biergarten, hinter großen Krügen mit Zinndeckeln ins Gespräch vertieft. Schon da steht er im Zeichen des deutschen Impressionismus, Max Liebermann hat ähnliche Szenen gemalt. In Bewegung schildert Weisgerber die drei Frauen auf dem Sofa (1906), eine ungewöhnlich lebendige Salonszene. Er war auch mit dem späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss befreundet, den er 1905 porträtierte.

Immer wieder setzte er sich auch mit dem eigenen Bild auseinander. Das „Selbstbildnis mit Dame in Rot“ (1906) ist ein Fragment. Ursprünglich hatte er sich da mit seiner Frau dargestellt. Das Bild wurde später zerschnitten, warum, weiß man nicht. Er zeigt sich immer als ernsten Mann, unironisch. Im Selbstbildnis am Attersee (1911) zeigt er sich im Freien, mit tief ausgeschnittenem Hemd, den Blick zum Betrachter gewandt, zurückhaltend, fragend, melancholisch.

Dabei war er der Bohème nicht abgeneigt. In Paris entstand eine Serie vom „Ball des 4 Arts“ (1906), offenbar ein Kostümball. Alle Dargestellten schlafen, die einen als Orientalen verkleidet, einige Damen nackt. Der weibliche wie männliche Akt war ein wichtiges Thema für ihn. 1910 malt er, nach einem Kompositionsschema, das von Cranachs Quellnymphen über italienische Venus-Darstellungen bis zu Goyas Maja entwickelt wurde, die „Ruhende Negerin“. Er verzichtete darauf, den nackten Körper zu idealisieren. Das Bild mag das Zeug zur Provokation gehabt haben.

In den letzten Jahren vor dem Krieg wandte er sich religiösen Sujets zu. Seine Darstellungen des Heiligen Sebastian sind freilich vor allem männliche Akte, oft fehlen die Pfeile, Kennzeichen seines Martyriums. Sein klagender Jeremias weist schon alle Züge des expressionistischen Pathos auf. Der „klagende Jeremias vor den Ruinen“ (1912) scheint die Trümmerlandschaften eines Carl Hofer vorwegzunehmen. Seltsam surreal ist das Bild „Vorstadthäuser mit Menschen und Schafen“ (1914).

Am Ende gibt es kein geschlossenes Bild. Als Weisgerber starb, hatte er seine Richtung noch nicht gefunden. Aber was er schuf, lohnt mehr als einen Blick.

Die Schau

Ein zu Unrecht vergessener Künstler wird vorgestellt: Albert Weisgerber – im Spannungsfeld der Moderne in der Städtischen Galerie in der Reithalle Paderborn-Schloss Neuhaus.

Bis 17.11., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 05251/ 88 10 76,

www.paderborn.de/kultur

Katalog 25 Euro

Quelle: wa.de

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