„Oxford 7“: ein utopischer Roman des spanischen Autors Pablo Tusset

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Pablo Tusset, gemalt von Gonzalez Goytisolo

Von Ralf Stiftel

Wenn ein etwas versoffener, etwas übergewichtiger Raumschiffpilot Rick Blaine heißt, dann klingeln beim Kinofan alle Erinnerungsglocken. So hieß Humphrey Bogart im Filmklassiker „Casablanca“. Irgendwie sind die Rebellen in Pablo Tussets Roman „Oxford 7“ alle etwas nostalgisch gestimmt. Wo es ihnen doch so gut geht in jener Zukunft des Jahres 2089.

Der besitzende Teil der Menschheit lebt in jener nicht allzu fernen Zukunft nicht mehr „on Earth“, sondern auf Raumstationen, sauber, mit allen Konsumgütern versorgt und sicher vor den Habenichtsen, die einem mit Gewalt etwas wegnehmen könnten. Oxford 7 ist so eine um die Erde kreisende Raumstation mit vielen technischen Errungenschaften. Und es ist, wie der Name ahnen lässt, eine Universität, an der Fächer wie „Sexdiplomwissenschaften“, „Präcomputer-Heavy-Metal“ und die Unternehmensgeschichten von Coca-Cola und Apple unterrichtet werden. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 150 Jahren. Die Annehmlichkeiten des Hyperkapitalismus haben allerdings ihren Preis. Totale Kontrolle. Jeder Mensch trägt zum Beispiel einen implantierten Chip, der Blutwerte und weitere Gesundheitsdaten registriert. Für die Versicherung. Wer gern ein Bier mehr trinkt oder gerne raucht, muss einen höheren Tarif buchen.

Auf Oxford 7 herrscht die Dekanin Emily Deckard, und sie hat es mit rebellierenden Studenten zu tun, denen sie selbst mit Wettermanipulationen und Geldbußen nicht beikommt. Zumal drei Studenten, B.B., Mam’zelle und Marcuse, mit Professor Palaiopoulos einen Plan ausgeheckt haben, um ihre Forderungen durchzusetzen. Dazu müssen sie auf die Erde. Hier kommt Rick Blaine ins Spiel, der Tricks kennt, um selbst die Computer auf Raumflughäfen zu überlisten. Allerdings stellt das kleine Kommando im verslumten Barcelona fest, dass Franz von Assisi ein ganz anderes Kaliber von Schurke ist als vermutet.

Der spanische Autor Pablo Tusset heißt eigentlich David Homedes Cameo, und er gibt nicht viel von sich preis. Was der Verlag an Biografie angibt, geboren 1965, verschiedene Jobs wie Möbelpacker, Tankwart, Programmierer, das sagt nicht viel. Aber seine Romane stehen wochenlang auf den Bestsellerlisten seiner Heimat. Er versteht es perfekt, populäre literarische Genres satirisch umzukrempeln. „Oxford 7“ steckt voller Anspielungen auf berühmte Dystopien wie Aldous Huxleys „Brave New World“ und George Orwells „1984“. Offensichtlich aber hat Tusset es nicht so mit dem großen Drama und dem Katastrophenpathos dieser Kollegen. Bei ihm darf es ruhig glücklich ausgehen. Was am Ende vielleicht viel hoffnungsloser ist, als der Leser glaubt. Bis dahin gibt es freilich einiges zu lachen und einige Erfindungen zu bestaunen, auf die man vielleicht nicht bis 2089 warten muss.

Dass Präcomputer-Musik selbst in Privaträumen nur über Kopfhörer abgespielt werden darf, weil sie geeignet ist, die Konzentration zu stören, das bleibt aber hoffentlich ein Scherz.

Pablo Tusset: Oxford 7. Deutsch von Ralph Amann. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt. 285 S., 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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