„Outer Space“: Himmelsphantasien aus Kunst und Wissenschaft in Bonn

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Wie Kosmonauten treten sie dem Besucher gegenüber: Der russische Orlan-Raumanzug ist in Bonn zu sehen.

Von Ralf Stiftel BONN - Vor diesem Klotz aus buntem Blech denkt man: Dadrin saß ein Mensch? Ein Foto zeigt, wie Virgil Grissom sich hineinwindet in die Mercury-Kapsel, die kaum größer als ein Kleinwagen ist, etwas mehr als 2,20 Meter im Durchmesser, dreieinhalb Meter lang. Der Astronaut steckt im Raumanzug, unter seinem Rücken hat man den Einstieg mit einem Kissen abgepolstert. Mehrere Männer helfen ihm. Und in dieser Dose flog er ins Weltall.

Dass die „Liberty Bell 7“ jetzt in der Bundeskunsthalle in Bonn zu besichtigen ist, grenzt an ein Wunder. Bei der Landung nach Grissoms Raumflug hatten die Sprengbolzen der Luke zu früh gezündet. Der Mann stieg schnell aus und wurde gerettet. Die Raumkapsel lag fas 40 Jahre lang auf dem Meeresgrund vor Florida, bis sie 1999 doch noch geborgen wurde. Sie wurde gereinigt und zeugt vom Mut, der Menschen beflügelte, ins All zu starten. Ebenso aber dokumentiert ihr Name die Antriebskraft, die sie außer dem Weltraum-Fernweh antrieb. Die Freiheit stand für die eine Seite im Konkurrenzkampf der politischen Systeme. Insoweit wurden Weltraumerfolge auch sehr irdisch gebucht.

Die Kapsel gehört zu den spektakulärsten Schaustücken der Ausstellung „Outer Space“. Mit rund 300 Objekten wird in der Bundeskunsthalle die menschliche Sehnsucht nach der unendlichen Weite reflektiert. Die Kuratoren Claudia Dichter und Stephan Andreae arbeiten interdisziplinär, beziehen Wissenschaft und Technik ebenso ein wie Kunstwerke und triviale Phantasien. Das macht „Outer Space“ zuweilen gedanklich etwas unscharf. Aber es verleiht der Präsentation auch großen Reiz – ein Essay der Dinge, irgendwo zwischen Realität und Fiktion.

Zwölf Themenräume führen von der Frühzeit bis in ferne Zukunft. Zu sehen ist – freilich in einer Kopie – die Himmelsscheibe von Nebra, jener 4000 Jahre alte Blick zu Sonne, Mond und Sternen, das älteste Zeugnis menschlicher astronomischer Bemühungen. In einer barocken Vitrine liegt der „Donnerstein von Ensisheim“, der älteste dokumentierte Meteor, der 1492 im Elsass mit viel Krach in einem Weizenfeld einschlug. Und man begegnet Rubens, der in einem prachtvollen Gemälde die Entstehung der Milchstraße schildert – nach dem antiken Mythos, bei dem Zeus seiner schlafenden Gattin Hera den unehelichen Sohn Herakles an die Brust legte. Er saugte so ungestüm, dass sie erwachte und das Kind fortstieß. Die Milch spritzte über den Himmel.

Am Ende steht Gianni Mottis „Big Crunch Clock“, eine Digitaluhr, die die fünf Milliarden Jahre herunterzählt bis zum Erlöschen unserer Sonne. Unsere Zeit ist endlich. Die Grenzen zwischen Spinnerei und Genie sind fließend in der Schau, viele große oder auch nur praktische Ideen der Raumfahrt wurden aus außerwissenschaftlichen Quellen übernommen. Der Countdown zum Beispiel, der uns heute so selbstverständlich erscheint, wurde zuerst in Fritz Langs Stummfilm „Frau im Mond“ (1929) für einen Raketenstart ausprobiert. Karl Heinz Janke entwarf grandiose Weltraumschiffe – in den psychiatrischen Anstalten der DDR. Und Adam Elsheimer malte 1609 in seiner „Flucht nach Ägypten“ den ersten realistischen Sternenhimmel, den er vermutlich am 16. Juni durch ein Teleskop erblickte. Leider ist nicht das Gemälde ausgestellt, sondern ein alter Stich und ein Video.

Manchmal entfaltet die Schau aufklärerische Schärfe: Vor Bernd Sierings Film eines Raketenstarts in Baikonur steht die lädierte Spitze einer V2, die als Fernwaffe auf London abgefeuert wurde und Ausgangspunkt der Raumfahrt wurde. Man sieht ein Foto der „Raketenmafia“ um Wernher von Braun, der erst für die Nazis, dann für die USA forschte und konstruierte. Fünf Männer wie aus einem Science-Fiction-Film. Daneben liegen in einer Vitrine kärgliche Besitztümer von Zwangsarbeitern, die die ersten Flugkörper zusammenschraubten und das oft nicht überlebten.

Aber hier soll man durchaus auch mit Lust schauen. Vorbei an Raumanzügen, die mannshoch in Vitrinen stehen. Hier ist Platz für das mörderische Alien und den niedlichen ET aus dem Film. Man sieht Modelle von Raumschiffen, darunter natürlich die „Enterprise“ und das monströse Schlachtschiff, in dem die „Starship Troopers“ 1997 gegen die Weltraum-Insekten kämpften. Dazwischen wirkliche Satelliten und das Modell eines Weltraumklos – denn irgendwo müssen ja auch die Ausscheidungen der Astronauten bleiben. Mit den Raumkapseln korrespondieren die Visionen des Künstlers Yves Klein, der in den 1950er Jahren mit Hilfe von Schwarz-Weiß-Fotos die Schwerelosigkeit imaginierte. Echte Astrolabien und Teleskope stehen den Visionen ferner Welten gegenüber, wie sie der Surrealist Max Ernst ausmalte, und einer Sonne, die Björn Dahlem aus Lampen zusammenschraubte.

Outer Space in der Bundeskunsthalle Bonn.

Bis 22.2.2015, di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr,

Tel. 0228/ 9171 200,

www.bundeskunsthalle.de,

Katalog, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin, 49,90 Euro

Quelle: wa.de

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