Die Natur im verwitterten Putz

„Ortlose Stille“: Landschaftsfotografie im Museum unter Tage in Bochum

Foto Bernard Descamps Islande (2011) Ausstellung Museum unter Tage Bochum
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Wie Pinselstriche wirken die Vögel in der Fotografie „Islande“ (2011) von Bernard Descamps, die im Museum unter Tage in Bochum zu sehen ist. Foto: Museum

Das Museum unter Tage in der Situation Kunst Bochum stellt zwei Positionen von ungewöhnlicher Landschaftsfotografie vor. Die Ausstellung „Ortlose Stille“ kontrastiert die hochentwickelten Digitalaufnahmen von Andreas Walther mit den stilen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von bernard Descamps.

Bochum – Feine Risse durchziehen den kargen Boden. Aber so richtig gibt uns das Foto von Andreas Walther keinen Anhaltspunkt, was wir hier genau sehen. Es könnte die Luftaufnahme eines versteppten Feldes sein, und was von unten dunkel ins Bild drängt, könnten zurückkehrende oder schwindende Pflanzen sein. Tatsächlich lichtete der Künstler 2017 ein Stück Mauer ab, trocknenden Putz, auf dem sich Schimmel gebildet hat. Die Nahaufnahme gleicht sich dem Panorama einer großen Landschaft an.

Zu sehen ist die Aufnahme in der Ausstellung „Ortlose Stille“ im Museum unter Tage der Situation Kunst in Bochum. Werke zweier Künstler ermöglichen es, sich damit auseinanderzusetzen, wie man Landschaft überhaupt abbilden kann und was Landschaft überhaupt ist.

Andreas Walther, 1971 in Gießen geboren, versteht sich dabei nicht als Fotograf im klassischen Sinn. Der in Gießen und Taipeh lebende Künstler knüpft mit seinen Arbeiten an die Tradition asiatischer Landschaftsmalerei an. Seine visuellen Schöpfungen sollen in Bildern, deren Ursprung nicht erschlossen werden kann, geistige Energien vermitteln. Seine Bilder bezeichnet er nicht als „ohne Titel“, sondern als „unbenannt“. Dabei setzt er alle Möglichkeiten moderner digitaler Nachbearbeitung ein. Das Ergebnis ist oft überaus faszinierend: Ein extremes Querformat (Unbenannt, 2018), 24 Zentimeter hoch, aber fast vier Meter lang, bildet ebenfalls die Struktur einer Außenmauer ab. Witterung und Gebrauch haben das Material gezeichnet, und man sieht Muster wie bei einem abstrakten Gemälde. Dabei nutzt Walther für seine Abzüge ein spezielles Papier, das extrem wenig Licht reflektiert, was den Seheindruck extrem unterstützt. Man meint, man könne die raue Oberfläche berühren, mit solcher Präsenz erscheint sie auf dem Papier. Bei einem Bild („Unbenannt #2/2014“) wirken ein Schattenwurf und ein vertikaler Streifen saftig grünes Moos vollends so, als ob man hier die Luftaufnahme einer Landschaft sähe, vielleicht einen Straßenrand.

Ein Stück Mauer wird in der Fotografie „Unbenannt #3“ (2017) von Andreas Walther zu einer Landschaft.

Andere Aufnahmen entstanden im Wald. Licht fällt durch das Blätterdach in einen zugewachsenen, von keinem Weg erschlossenen Ausschnitt, der durch bemooste Felsen noch unwegsamer erscheint. „Unbenannt“ (2016) mag in Asien oder Europa entstanden sein. Es spielt keine Rolle. Das Bild transportiert vor allem eine essenzielle Naturerfahrung: das Wuchern von Leben, die Orientierungslosigkeit des Betrachters, eine Schönheit, die aus sich heraus, ohne Eingriff des Menschen entstanden ist. Walthers Ästhetik ist inspiriert von fernöstlicher Philosophie. Aber sie berührt sich mit dem Naturverständnis romantischer Maler, die manchmal wissenschaftlich nüchtern erscheinende Naturstudien schufen.

Ein weiterer Werkkomplex besteht aus Drucken auf schwarzem Papier. Manche dieser Bilder scheinen zunächst als unstrukturierte dunkle Fläche. Bei längerer Betrachtung vermag das Auge die Motive zu erkennen. Es ist, als führe uns der Künstler nachts durch einen Wald. Auf einigen Bildern blitzen weiße Blütenstände auffällig aus dem Dunkel. Bei „Unbenannt #1/2015“ bekommt ein blühender Zweig ebenfalls diese geradezu magische Präsenz, die auf den Aufnahmen von Mauern zu finden ist.

Bernard Descamps, geboren 1947 in Paris, liefert zu den mit avancierten digitalen Mitteln geschaffenen Bildern das Gegenprogramm. Er fotografiert klassisch-analog und in Schwarz-Weiß. Aber wo die klassische Landschaftsfotografie das Panorama sucht, den Überblick im Querformat, möglichst in großen Abzügen, da beschränkt er sich auf eher kleine Abzüge und einen quadratischen Bildschnitt. Auch er bietet bewusst nicht Übersicht, die Orientierung auf das Große und Ganze, sondern setzt auf Ausschnitte, auf Details, auf Stimmungen. Wenn er Wald fotografiert, sieht der Betrachter keinen ganzen Baum, sondern ein grafisches Muster aus vertikalen Linien, markiert durch parallele Stämme. Wenn er sich in die Bergwelt begibt, dann zeigt er nicht die Natur-Skyline, das imponierende Muster aufgereihter Gipfel. Bei seinen Aufnahmen zum Beispiel isländischer Berge orientiert er sich an der Gesteinsstruktur, an den Mustern aus blankem Fels, aus Wetterspuren, aus kargem Bewuchs und Partien von Geröll. Auch Descamps geht es nicht darum, ein Stück Wirklichkeit wiedererkennbar zu dokumentieren. Auch sein Blick fasst die Landschaft als ein eher allgemeines, eigenständiges Thema auf. Und auch bei ihm eignet sich die Fotografie die Qualitäten der Malerei an.

Eine Serie entstand auf dem Meer. Der Horizont teilt hier die Fläche in zwei gleich große Teile, so dass abstrakte Kompositionen entstehen. Manchmal war das Wetter wohl dunstig, so dass der Übergang von der bewegten Wasseroberfläche zum opaken Himmel kaum spürbar ist. Dann wieder hat man exemplarisch sanfte Wogen unter einem dramatisch bewölkten Himmel. Mit so einer Aufnahme könnte der Künstler an altmeisterliche Darstellungen der vier Elemente anknüpfen, man sieht den Kontrast von Wasser zu Luft. Und auf wieder anderen Bildern erzeugt der Lichteinfall beim Meer den Eindruck fester Stofflichkeit, als habe man es nicht mit Flüssigkeit zu tun sondern mit schimmerndem Metall.

Eine vierte Serie schließlich wendet den Blick zum Himmel. Da nahm Descamps Vogelschwärme auf. Manchmal sieht man die Tiere in der Bewegung, eine dynamische Gruppenaufnahme. Manchmal sieht man auch nur zarte Tupfen, die sich ohne erkennbaren Plan über die Fläche verteilen. Und manchmal hat man die Linien reisender Gänseschwärme, die wie minimalistische Skizzen wirken. Da entdeckt Descamps in der Natur Muster, die die moderne Kunst vermeintlich aus dem Nichts geschaffen hat.

Bis 10.10., mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr, ab Mittwoch wieder geöffnet mit vorab gebuchtem Termin.

Tel. 0234/ 322 85 23

www.situation-kunst.de

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