„Onegin“ am Aalto Theater Essen

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Hingebungsvoll: Onegin (Liam Blair) und Tatjana (Yurie Matsuura) in der Ballettaufführung „Onegin“ in Essen.

ESSEN Das Aalto-Ballett in Essen hat seine Saison mit einem Höhepunkt begonnen: Nach eigenen Stücken und Eigenbearbeitungen von Ballettklassikern hat Ballettchef Ben Van Cauwenbergh einen modernen Klassiker geholt: „Onegin“ von John Cranko ist im Aalto-Theater zu sehen – und sehr sehenswert.

Dafür gibt es besonders einen Grund: Yurie Matsuuras Tatjana. Sie wächst über den Premierenabend sicht- und vor allem spürbar in die Rolle hinein, bis in die letzte Szene, in der Tatjana, inzwischen mit einem anderen verheiratet, sich von Onegin lossagt. Matsuura entwickelt Tatjana sorgfältig vom höflichen, etwas weltfremden Mädchen zu einer Frau von schmerzlicher Entschlusskraft. Ihr dabei zuzuschauen, ist mehr als ein Vergnügen.

Das Essener Ensemble zeigt sich ebenfalls stark. Yanelis Rodriguez gibt die Olga mit kokettem Leichtsinn, stellt ihre blitzschnellen Drehungen und zackigen Sprünge in den Dienst des Porträts eines flirtwilligen Mädchens. Wie sie ihrem Lenski (Davit Jeyranyan) nachtrippelt, im Duett ihre junge Liebe ausstellt, ist ein denkbar schöner Kontrast zu Matsuuras verträumter Tatjana. Als Onegin stellt Liam Blair gelangweilte Arroganz aus. Die wegwerfenden Handgesten, ein überhebliches Abwenden – das beherrscht er wunderbar. Später, im letzten Akt, ist er es, der verträumt und weltfremd erscheint. Da sieht er mit seinen graugefärbten Haaren aus wie ein abgestürzter Märchenkönig.

Gerade auch das Corps beeindruckt. Die Gruppenszenen funkeln vor Energie, und auch die kleinen ironischen Gesten – ein zickiger Flirt, ein tatteriger Alter auf der Suche nach seiner Brillen – sitzen. Jeder einzelne lebt seine Rolle. So entsteht ein vielschichtiges Gesellschaftsbild. Crankos Ballettmeister Reid Anderson selbst hatte die Endproben für „Onegin“ geleitet und nahm in Essen den begeisterten Premierenjubel entgegen.

Die groß angelegte, aber karge Ausstattung Crankos, die hohen Räume, die Farben, die den Lebenszyklus einer Rose nachmalenn – von unschuldigem Weiß bis zum ergrauenden und vergilbenden Rot – wirken. Gefüllt werden sie von beeindruckenden Tänzer-Darstellern. Die Duellszene wird von Rodriguez und Matsuura, von Jeyranyan und Blair mit herzzerreißendem Leben erfüllt. Tatjanas mühsam zusammengehaltene Beherrschung im Solo im zweiten Akt ist anrührend. Das Duett mit Gremin (Yehor Hordiyenko) skizziert eine von Respekt eingehegte Ehe. Aber in der Schlussszene wächst Matsuura über sich hinaus. Tatjanas Verzicht auf Onegin ist der dunkle Diamant im Stück: Er wirft Facetten von brutaler Selbstbeschränkung.

Die Musik zu „Onegin“ wurde von Karl-Heinz Stolze aus weniger bekannten Werken von Peter Tschaikowsky zusammengetragen und aus dessen Klavierwerken orchestriert. Die Essener Philharmoniker unter Johannes Witt machen einen wunderbaren Job. Sie untermalen den dramatischen Fluss des Balletts. Dabei lohnt sich, auf Details achtzugeben: In Tatjanas erstem Ballsolo im zweiten Akt pocht es ganz vorsichtig und zerbrechlich dazwischen. Achtsam lässt Witt den Klang sich eintrüben in der Festszene im dritten Akt. Der Glanz, den der Ball vermitteln will, ist geborgt. Der Zyklus neigt sich seinem Ende zu.

„Onegin“ in Essen ist spannend, emotional getanzt, sehenswert. Absolute Empfehlung.

Edda Breski

15., 25., 30. 11.; 25., 26. 1.; 23. 2.; 22., 24. 3.; 12. 4.; 3. 7.; Tel. 0201/81 22 200; www.theater-essen.de

Quelle: wa.de

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