Oliver Klucks „Warteraum Zukunft“ in Recklinghausen

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Drei Akteure, eine Rolle: Szene aus „Warteraum Zukunft“ mit Daniel Fries, Ute Hannig, Martin Wißner. ▪

Von Björn Althoff ▪ RECKLINGHAUSEN–Keine Hobbys, keine Freundin, keine Kinder, keine Hoffnung, dass es irgendwann besser wird. 31 Jahre erst, verkürztes Studium und Doktorarbeit hinter sich, zwölfstündiger Arbeitstag, aber maximal eine Beförderung, die nach Rumänien führt. Das ist Daniel Putkammer, Hauptperson in Oliver Klucks preisgekröntem „Warteraum Zukunft“. Das Stück, für das der Autor den Kleist-Förderpreis für junge Dramatik 2010 erhielt, erlebte seine Uraufführung im Theaterzelt der Ruhrfestspiele.

Überall auf der Bühne: Holzkästen mit Flüstertüten-ähnlichen Lautsprechern, die wirken wie aus den 20er-Jahren. Dazu passen die Anzüge, die die drei Akteure vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg tragen. Dazu passen auch die stummfilmweißen Gesichter, die sie sich schminken. Daniel Fries, Ute Hannig und Martin Wißner teilen sich die Rollen des Daniel Putkammer und der anderen.

Der eigentliche Dialog vermischt sich mit Kommentaren und Sprüngen im Leben dieses Menschen. Morgens um sieben steigt er ins Auto, ist ab da genervt von duzenden Radiomoderatoren und schleichenden Schrottkarren aus Russland, von Kollegen, von der Überheblichkeit seines Chefs und von der Ausbeute seines Einkaufes. Nach Feierabend, kurz bevor der Supermarkt schließt, gibt es kein Brot mehr – nur noch Christstollen.

Über weite Strecken zaubert die Mannschaft um Regisseurin Alice Buddeberg viel Licht und Witz in dieses triste Putkammer-Leben. Mit Mikrophonen, viel Hall und den Flüstertüten entsteht der tägliche Büro-Chor aus „Morgen“, „Hallo, alles klar?“ und „Auch schon da?“. Hochgradig panisch steigt Ute Hannig später quer durch die Zuschauerreihen: Haben die überhaupt Internet da unten in Rumänien? Strom? Zeitungen? Masern? Kaltes Bier?

Verwunderlich, nein: Erschreckend, wie klar dieser Daniel Putkammer das Leben durchschaut, wie intelligent er es mit einzelnen Sätzen auseinandernehmen kann. Und wie er dann doch stillhält, das Leben aushält, nicht muckt, nur immer weitermacht: jeden Morgen die 70-Kilometer-Fahrt durch Tulpenweg, Akazienweg, Karl-Marx-Straße und Adenauerallee bis zum Zubringer von der Autobahn zur Firma.

Autor Oliver Kluck schafft es allein durch die Straßennamen, dass sich der Zuschauer die Strecke vorstellen kann. Die Akteure vom Deutschen Schauspielhaus wiederum verdichten seinen Text noch einmal. Mit Alltagsgegenständen wie einem Luftballon oder einem Blasebalg, mit Fahrradspeichen oder schwingenden Metallplatten lassen sie zusätzliche Bilder entstehen.

heute, Tel. 02361/92 180

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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