Olaf Jessen erklärt das Massensterben von Verdun

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Französische Soldaten klettern bei Verdun zu einem Angriff aus ihren Schützengräben.

Von Elisabeth Elling - Als wäre er dabei: So beschreibt Olaf Jessen mit „Verdun 1916“ die „Urschlacht des Jahrhunderts“. Eine Punktbohrung, die sich von den Überblickswerken Herfried Münklers („Der große Krieg“) oder Christopher Clarks („Die Schlafwandler“) zum Ersten Weltkrieg abhebt. Akribisch hat er Quellen aufgespürt und studiert, dabei bemerkenswerte, sogar bestürzenden Erkenntnisse gewonnen.

Warum sein Buch trotzdem enttäuscht: Jessen versäumt es, seine Befunde zu strukturieren und zu bündeln. Er hangelt sich stattdessen an ständig wechselnden Standorten entlang: Vom Kartentisch der deutschen oder französischen Generalstäbe geht es ins Cockpit eines Aufklärungsflugzeugs, von den verschlammten Schützengräben in die lichtlosen Kasematten der Festung Douaumont. Jedes Detail, jede Beobachtung belegt Jessen mit Fußnoten. Eine Fleißarbeit, die ihre Ergebnisse aber im Kleinklein eines Zettelkastens vergräbt. Das führt zu Abnutzungserscheinungen: bei der Aufmerksamkeit des Lesers.

300 Tage und 300 Nächte lang wurde bei Verdun getötet und gestorben, vom Angriff der Reichswehr unter Generalstabschef Erich von Falkenhayn am 21. Februar bis zur französischen Rückeroberung von „3000 Metern Trichterlandschaft“ am 18. Dezember 1916. 700 000 Soldaten starben. „Blutmühle“ oder „Knochemühle“ lauteten resignierte Versuche, das Grauen in einen Begriff zu fassen. Genau das sei sein Plan gewesen, behauptete Falkenhayn später: Die Franzosen „aus-“ oder „weißzubluten“. Hunderttausenden Toten auf der eigenen Seite konnte so ein militärischer Sinn nachgesagt werden; sie ließen sich zum Opfer fürs Vaterland erhöhen. Eine Propagandalüge, wie Jessen zeigt.

Falkenhayn hatte einen weitreichenderen Plan, der allerdings nach gut 24 Stunden bereits gescheitert war. Nach dem deutschen Angriff, bei dem das Ostufer der Maas erobert werden sollte, rechnete er mit einer hastigen Gegenoffensive der Alliierten nördlich bei Arras. Diese sollten die Deutschen zurückschlagen, im Gegenstoß die Franzosen zurückdrängen – und so aus dem Stellungs- wieder einen Bewegungskrieg machen. Beinahe hätte das geklappt. Denn Douglas Haig, Oberbefehlshaber der Briten an der Westfront, wollte anderthalb Tage nach dem deutschen Angriff tatsächlich zum Gegenschlag ansetzen. Der französische General Joseph Joffre hielt ihn ziemlich ruppig davon ab – womit Falkenhayn sich verspekuliert hatte.

Zunächst wurden die Alliierten vom deutschen „Höllenfeuer“ überrollt: 1300 Züge hatten Munition herbeigeschafft, die Explosionen waren noch in 150 Kilometern Entfernung zu hören. Trotzdem hielten die französischen Beton-Befestigungen, die Verteidigung stand bald wieder. Nach wenigen Stunden steckten die Soldaten in einer Abnutzungsschlacht fest.

Die wiederum verkaufte Falkenhayn bald als Strategie. Im August 1919 wiederholte er die Zahlen, mit denen er drei Jahre zuvor, im Mai 1916, argumentiert hatte: Die Deutschen hätten seit dem 21. Februar Verluste von 250 000 Mann; die Franzosen mit etwa 525 000 Verletzten und Gefallenen mehr als doppelt so viele. Das rechtfertigte in militärischer Logik ein blindes Weitermachen: Kämpfen als Selbstzweck. Dabei waren Falkenhayns Zahlen falsch, das „Ausbluten“ der Franzosen längst nicht so verheerend wie angenommen: Bis Mitte August 1916 gab es auf französischer Seite 317 000 Verwundete und Tote; bei den Deutschen waren es 281 000. So oder so war das Ausmaß des Vernichtens neu, wird Verdun als erstes Scharmützel eines „totalen Kriegs“ gedeutet, das ungeheuerliche Massen an Menschen und Material verbrauchte.

Fassbarer als das sinnlose Sterben sind die logistischen Dimensionen von Verdun. Jessen schildert, dass 11 000 französische Soldaten abgestellt waren, um die Landstraße mit Schotter aufzufüllen, auf der die Nachschub-Lastwagen an die Front rumpelten. 20 Zentimeter tief waren die Spurrillen, die sie einkerbten – Tag für Tag.

Das Buch

Ein nüchterner und sehr detaillierter Blick auf die mörderische Schlacht von Verdun 1916: Olaf Jessen zeichnet einen strategischen Fehlschlag der deutschen Reichswehr nach, dem ein monatelanger blutiger Stellungskampf folgte – und der später als kluges Kalkül gerechtfertigt wurde.

Olaf Jessen: Verdun 1916. Urschlacht des Jahrhunderts. Verlag C.H. Beck, München 2014, 496 S., 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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