„Ohne Titel“ von Tino Sehgal bei der Ruhrtriennale

Von Edda Breski DUISBURG - Der Tänzer Vaclav Nijinsky verlor 1910 seine Stelle am Kaiserlichen Ballett, weil er es wagte, ohne Suspensorium vor allerhöchsten Augen aufzutreten. Zuviel, wenngleich noch stoffbedeckte, Männlichkeit für die Kaiserinmutter. Nijinsky verließ Russland, schloss sich endgültig Diagilews Ballets Russes an und wurde mit modernen Werken zur Legende. Der Künstler Tino Sehgal schickt bei der Ruhrtriennale drei Tänzer ganz ohne Bekleidung auf die Bühne.

Drei Männer, drei Mal die gleiche Choreografie vor einem Prospekt aus Stahl und Abendwolkenhimmel im Landschaftspark Duisburg-Nord. „Ohne Titel“ heißt das Stück, oder vielmehr die Installation. Gezeigt wurde sie erstmals 2013 in Berlin.

Sehgal, der unter anderem den Goldenen Löwen bei der Biennale in Venedig gewann, arbeitet mit „konstruierten Situationen“ in leeren Räumen. Aufgelöste Distanzen, geöffnete Situationen interessieren ihn. Der Deutsch-Brite hat in Berlin unter anderem Tanz studiert. „Ohne Titel“, reflektiert Tanz im 20. Jahrhundert, zumindest vordergründig.

Neckisch wie ein Faun springt der Tänzer Andrew Hardwidge über einen ausgelegten Boden in der riesigen Kraftzentrale. Nacktes Licht, gestapelte Bänke und Kulissen, ein gewaltiger Raum voll Aufbewahrtem, derzeit Nichtgebrauchtem. Pirouette attitude, Beckenschwung, Sprung mit geöffneten Beinen. Grinsen des Solisten. Aus einer „griechischen“ Pose schält sich Ausdruckstanz. Nacktheit war in der Antike selbstverständlich Teil der Kunst, erst später wurde sie verpönt, noch später zum Schocker. Isadora Duncan wird zitiert, die die Nähe zum griechischen Tanz suchte, zitiert werden auch die ritualisierten Sprünge aus der Originalchoreografie zu Strawinskys „Frühlingsopfer“, geschaffen von Nijinsky. Die Tänzer vollführen den klassischen Pas de Bourrée und trippeln hinternzuckend auf die Zuschauer zu. Das ist bei allen dreien gleich. Frank Willens bewegt sich über eine von Kies notdürftig befreite Fläche vor der Hochofenstraße, fällt, dreht sich auf Knien. Staub und Abschürfungen zeichnen ihn. In der Gießhalle zieht der Tänzer und Choreograf Boris Charmatz Staubspuren auf dem Tanzteppich, er kokettiert mit seinem französischen Akzent und lacht ins Publikum: „Da gähnt einer! Unglaublich!“

Individualität prägt den modernen Tanz, wie auch das Individuum in der Gesellschaft die Stelle des Kollektivs als prägende Einheit eingenommen hat. Sehgals Tänzer, selbst profilierte Künstler, haben viel Freiheit. Sie reden während ihrer Sequenzen, heben Sprache und Tanz auf die Metaebene, sprechen zum Publikum und mit Sehgal, der sich Notizen macht. Charmatz überspringt Graben und Absperrung und posiert in der ersten Reihe. Zum Schluss wird gepinkelt. Drei Mal 50 Minuten, und nichts wird langweilig, denn die drei Performer sind starke Typen, und sehr witzig. Charmatz hottet pseudocool ab und baut Locking – eine Hiphop-Technik – ein. Willens macht sich über die widrigen Umstände lustig: „Ich bin eigentlich ziemlich enttäuscht, dass es nicht regnet. Wie geht’s euch da draußen?“

Die Installation scheint außerdem für die imposante Kulisse des ehemaligen Stahlwerks geschaffen. Sie inszeniert den Raum mit, öffnet ihn durch den Tanz für die Wahrnehmung. Sehgal öffnet den Blick auf Kunst: wie sie auf Zeitläufte reagiert, sie spiegelt und – bestenfalls – mitprägt. Er fragt, wozu wir den Tanz, die Kunst überhaupt, brauchen. Und er fragt die Zuschauer, was sie wollen: das Hingucken oder das Miterleben. Im 21. Jahrhundert ist das Ausruhen auf dem Zuschauersessel nicht mehr angesagt.

13., 14.9. Pact Zollverein Essen;

Tel. 02 21/28 02 10,

www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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