„Ohne Rückkehr“: Buch über Judendeportation in Westfalen

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Hier starteten die Todeszüge ins besetzte Polen: Der ehemalige Bahnhof Dortmund-Süd ▪

Von Jörn Funke ▪ DORTMUND–Am 30. April 1942 fuhr am Dortmunder Südbahnhof vormittags ein Personenzug nach Zamosc in Polen ab. 791 Passagiere waren an Bord, keiner freiwillig. Es waren Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg, von denen niemand überlebte. 70 Jahre danach dokumentiert die Dortmunder Gedenkstätte Steinwache diese Reise in den Tod mit dem ersten Band einer eigenen Schriftenreihe.

768 Personen haben Historiker identifiziert. Die größte Gruppe stammte aus Dortmund selbst (177), aber auch aus kleineren Städten waren Juden zur Deportation zusammengezogen worden. Sie kamen aus Altena (4), Anröchte (34), Erwitte (11), Hamm (45), Hemer (3), Iserlohn (23), Lippstadt (5), Lüdenscheid (5), Meinerzhagen (8), Plettenberg (5), Rüthen (3), Soest (12), Unna (19) und Werl (25). Die ältesten waren über 70, die jüngsten noch Säuglinge.

Ein erster Transport aus dem Regierungsbezirk Arnsberg verließ den Dortmunder Hauptbahnhof bereits am 27. Januar 1942 mit dem Ziel Riga. Etwa 1000 Menschen waren an Bord, fast alle aus dem Ruhrgebiet. Für Juden aus dem ländlichen Westfalen gab es nur einen kurzen Aufschub.

Für die Deportation vom 30. April 1942 präsentiertder Historiker Rolf Fischer bislang unbekannte Dokumente. Am 25. März kündigte die Geheime Staatspolizei (Gestapo) per Rundschreiben an Städte und Gemeinden im Regierungsbezirk an, „in Kürze“ weitere Juden in das Generalgouvernement abzuschieben, also in das besetzte Polen. Ein einziges dieser Schreiben blieb im Stadtarchiv Hallenberg erhalten. Das Stadtarchiv Herne bewahrt eine Deportationsliste der Bochumer Gestapo-Stelle auf.

Unterzeichnet hat den Deportationsbefehl der Dortmunder-Gestapo-Chef Joachim Illmer. Nach dem Krieg gab er an, den wahren Charakter der „Endlösung“ nicht gekannt zu haben. Ein Ermittlungsverfahren verlief im Sande.

Für die Organisation des Transportes machte die Gestapo 1942 die „Reichsvereinigung der deutschen Juden“ mitverantwortlich, die den Betroffenen im einem mehrseitigen Schreiben Verhaltensmaßregeln mit auf den Weg gab. Auch dieses Dokument ist im Hallenberger Archiv erhalten und im Band als Faksimile abgedruckt. Erste Station für die westfälischen Juden war eine Sporthalle im Dortmunder Süden, die am 28. April zum Sammellager umfunktioniert wurde. Dann ging es per 65-stündiger Zugfahrt in ein Barackenlager im Ghetto von Zamosc, einer Kleinstadt in der Nähe von Lublin.

Als naiv werden die deutschen Juden dort vom örtlichen Judenrat eingestuft, wie Rolf Fischer schreibt. Die Deportierten seien guten Mutes gewesen und tatsächlich von einem Arbeitseinsatz ausgegangen, hätten sogar Musikinstrumente mitgebracht. Heimlich nach Deutschland geschmuggelte Briefe zeigen jedoch wenig später schon die Verzweiflung der Deportierten. Das machen Dokumente der Hammer Großfamilie Schragenheim deutlich. Die Familie wird auseinandergerissen, eine junge Frau und ihre kleinen Kinder werden kurz nach der Ankunft in Zamosc erschossen. „Ihr (könnt) euch gar nicht in unsere Notlage versetzen“, schreibt eine Cousine heimlich nach Hamm.

Vom Dortmunder Südbahnhof gingen weitere Deportationszüge nach Theresienstadt und Auschwitz. Der Bahnhof ist heute eine Ruine, Züge halten seit 1963 nicht mehr. An seine Geschichte erinnert eine Gedenktafel.

Ralf Piorr (Hg.): Ohne Rückkehr. Die Deportation der Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg nach Zamosc im April 1942. Klartext-Verlag, Essen. 222 S., 19,95 Euro

Quelle: wa.de

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