Oberhausen zeigt Goosens „So viel Zeit“

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Die fünf von der Band-Baustelle am Theater Oberhausen: Szene aus „So viel Zeit“ mit Torsten Bauer, Peter Waros, Klaus Zwick, Henry Meyer und Jürgen Sarkiss (von links) .

Von Ralf Stiftel -  OBERHAUSEN Wenn Jürgen Sarkiss endlich ans Mikro tritt und „Child In Time“ von Deep Purple anstimmt, dann kommt richtig Leben ins Theater Oberhausen. Der Mann hat eine authentische Rockstimme, er hat das Charisma des Frontmanns, er hat eine druckvolle Band hinter sich, angeführt vom Gitarristen Peter Engelhardt.

Und das haben die Leute ja auch erwartet, die in die Uraufführung von „So viel Zeit“ gekommen sind: Laute Musik aus der Zeit, bevor alles den Bach runterging.

Da war allerdings schon eine Stunde verstrichen, in der die Band allenfalls mit ein bisschen Klimpern – zum Beispiel mit den Anfangsakkorden von „Stairway To Heaven“ – den Text untermalte. „So viel Zeit“, erschienen 2007, ist eigentlich ein Roman von Frank Goosen. Der Bochumer Autor erzählt darin von fünf Männern, die ihre Mittlebenskrisen zu bewältigen versuchen, indem sie eine Band gründen. Immer wieder schauen sie zurück auf ihre Schuljahre, auf die unerfüllten Lieben ihrer Pubertät, auf die verstrichene Zeit.

Im Roman funktioniert das. Goosen erzählt aus wechselnden Perspektiven mal vom allein gebliebenen Lehrer Konni, vom Onkologen Bulle, der ausgerechnet durch Krebs seine Frau verlor und nun trauert, vom Anwalt Rainer, dessen Ehe gerade zerbricht, vom etwas jüngeren Schriftsteller Thomas, der sein Talent an Pornos vergeudet und seine junge Freundin nicht zu schätzen weiß. Und natürlich von Ole, dem coolsten Typen damals an der Schule, der nun in Berlin versumpft ist, weil ausgerechnet auf der Schulfete 1982 etwas Schreckliches passiert ist, und den sie zurückholen ins Ruhrgebiet, damit die Band überhaupt eine Chance hat.

Auf der Bühne läuft das schon nicht mehr so glatt. Stefanie Carp, die die Bühnenfassung schuf, hat keine schlechte Arbeit geleistet. Aber die parallelen Handlungsstränge einigermaßen gerecht zu verfolgen, ist ihr nicht gelungen. Da findet Konni ziemlich schnell sein Glück bei der Kollegin, da spielen Rainers Darmkrebs-Ängste irgendwann einfach keine Rolle mehr. Was als Erzählung austariert ist, verflacht in der Reduktion für die Szene. Und Regisseur Peter Carp mag noch so effektvoll mit Drehbühne und schnellen Szenenwechseln hantieren: Zumindest vor der Pause passiert einfach zu wenig, damit es ein Drama ergibt.

Drei Stunden dauert der Abend, und im zweiten Teil, wenn das Rätsel um Ole aufgelöst wird, nimmt er sogar Fahrt auf. An den Darstellern liegt es nicht, wenn das streckenweise etwas hölzern wirkt. Aber sie haben relativ viel Text vorzutragen, relativ wenige Dialoge, was den Spielfluss dämpft. Am Anfang mühen sich die Schauspieler selbst mit „Highway To Hell“, später übernimmt dann die Band, deren Mitglieder jeweils das Outfit ihrer Schauspieler-Doubles tragen. Nur Sarkiss spielt den Ole – und wie er am Ende die coole Maske fallen lässt und mitten im Song zusammenbricht, das ist sehenswert. Auch die anderen Darsteller überzeugen, Klaus Zwick zum Beispiel als von Leben und Beruf frustrierter Lehrer und Torsten Bauer als verwitweter Arzt, der die Balance zwischen Trauerarbeit und neuer Beziehung sucht.

Aber so anerkennenswert ihre Leistung in den Schicksalsszenen aus dem Ruhrpott auch ist, so berechenbar nimmt zum Ende des Abends hin die Songdichte zu. Und die authentisch gecoverten Songs von Black Sabbath, Led Zeppelin, Queen (eine eher swingende Version von „We will rock you“), und natürlich AC/DCs „Highway To Hell“ sind es denn auch, die das Publikum zum langen Applaus hinreißen.

1., 29., 31.10., 14., 15., 29.11., 5., 27.12., Tel. 0208/ 8578 184, www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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