Oberhausen erinnert an „Zechen im Westen“

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Panorama der Zeche Osterfeld, 1922 (Glasplatte), zu sehen in Oberhausen.

OBERHAUSEN Wenn der Werksfotograf kommt, sitzen die Grubenjungen brav und unbeweglich im Speisesaal der Zeche Sterkrade in Oberhausen. Die Fotografie aus der Ausbildungsstätte von 1938 vermittelt, wie ernst Disziplin und Ordnung im Zechenalltag genommen wurden. Die Jungs hocken auf dreibeinigen Schemeln und haben große Aluschüsseln vor sich.

Die Ausstellung „Zechen im Westen“ zeigt vor allem die Großbetriebe, die sich im 19. Jahrhundert an Rhein und Ruhr entwickelten. Im Industriemuseum des Rheinlands, der St. Antoni-Hütte in Oberhausen, werden 47 Fotografien präsentiert, die unweigerliche die Bedeutung und den Niedergang der Zechen dokumentieren. Und „im Westen“ heißt im Westen des Ruhrgebiets und im Aachener Raum, wo Anlagen in Hückelhoven und Übach-Padenberg lagen.

Werksfotos dominieren die Ausstellung. Auch im Bergmannsheim in der Bergstraße, Oberhausen, ist alles wie geleckt. Vier ledige Kumpel sitzen in Hemd, Jackett oder Anzug beim Kartenspiel auf ihrer Stube. Ein Transistor-Radio belegt den Fortschritt, die Etagenbetten die fehlende Privatsphäre. Aber es ist ein Moment fürs heile Bergmannsleben.

Das Industriemuseum hatte das Fotokonvolut der Gute-Hoffnungshütte übernommen. Ab 1873 zählte der Betrieb zu den größten des Reviers. Seit 1889 dokumentierte eine fotografische Abteilung das Werksleben und bestimmte das Bild vom Werk. 16 000 Glasnegative, 170 000 Planfilmnegative und zahllose Kleinbildnegative gehören zum Archiv. Zu sehen sind Abteufgerüste von der Zeche Jacobi 1911 in Oberhausen. Auch der Bau eines Kühlturms 1938 auf der Zeche Sterkrade bietet technische Bauhistorie. Das „Panorama der Zeche Osterfeld“ (1922) steckt die Größe der Industrieanlage ab, die in den Stadtraum ragt.

Erst später erkannten Fotografen in den Zechenanlagen mehr als nur Werksgebäude. Die Kuratoren der Schau haben aus dem Ruhrarchiv des Ruhrmuseums in Essen einzelne Bilder ausgewählt, die diese Entwicklung wiedergeben. Johann Schmidt hatte in den 1960er Jahren einen Diffusor (Baukörper, der Strömungen verringert) der Zeche Osterfeld in seiner Form (Beton) ästhetisch aufgewertet. Auf der Fotografie wird er mit einem Ziegelsteinturm (Eisenfachwerk) daneben verglichen, der für eine ganz andere Zeit steht. Die matten Farben erwärmen das sachliche Gebäudeensemble.

Bilder von Ruth Hallensleben, Rudolf Holtappel, Anton Tripp, Willy van Heekern und Ludwig Windstoßer bringen die Sicht des Fotografen mit ein und machen die Ausstellung interessanter. Es gibt wohl deutlich weniger Motive zum Leben mit der Zeche als zu den Werken selbst. Denn Holtappels „Wohnen im Umfeld der Zeche Westende, Duisburg“ (um 1959) war auch schon in Kalenderpublikationen des Asso-Verlags zu sehen. Hier erscheint der Förderturm hinter den Siedlungshäusern mit spielenden Kindern, wie ein guter Freund, der aufpasst.

Aber es gibt auch selten zu sehene Schnappschüsse, wie die Kumpel, die sich beim Rückenschrubben in der Waschkaue der 30er Jahre ablichten lassen oder ein aufgebarter, verunglückter Bergmann mit weißer Kopfbedeckung. In Richard Oertels Fotografie stürzt ein Fördergerüst auf Osterfeld wie ein Dinosaurier zu Boden. Und die Oberbürgermeisterin Luise Albertz ist bei der Demonstration gegen die Schließung der Zeche Concordia zu sehen (20. Mai 1967) – Einigkeit wird vermittelt.

Die meisten Farbfotografien in der Ausstellung „Zechen im Westen“ belegen, was mittlerweile entstanden ist auf den ehemaligen Industrieflächen: Parks, Golfplätze, Kleingärten. Ob Förderturm, Kohlelore oder Versorgungsrohr, die Überreste der Zechenkultur sind heute funktionslose Fremdkörper, aber sie wirken sorgsam integriert, mit Stolz vom Fotografen akzeptiert. Und vielleicht hilft dabei auch die Farbe.

Bis 22. 9.; di-fr 10 – 17 Uhr sa/so 11 – 18 Uhr; Tel. 02234/9921 555; Broschüre 8,95 Euro; www.industriemuseum.lvr.de

Quelle: wa.de

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