Nußbaumeders „Mutter Kramers Fahrt zur Gnade“ bei den Ruhrfestspielen

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Ein Neuanfang: Anke Zillich und Raiko (dahinter) spielen in der Uraufführung von Christoph Nußbaumeders Stück „Mutter Kramers Fahrt zur Gnade“ in Recklinghausen. Küster

Von Achim Lettmann RECKLINGHAUSEN - Wie eine vergessene Madonna sieht Anita unter dem Schleier aus, der über ihrem Kopf und Körper hängt. Unbeweglich sitzt sie da und telefoniert ohne Sendungsbewusstsein. Dann rauscht Rudi, genannt Hudi, heran. Ein kräftiger Kerl, der sich wie eine aufgezogene Spielfigur hektisch durchs Haus bewegt. Ein Packer, ein Arbeiter vielleicht, aber mit solchen Menschen hatte Anita bisher nichts zu tun.

Die Uraufführung von Christoph Nußbaumeders Kammerspiel „Mutter Kramers Fahrt zur Gnade“ öffnet ein Bühnenhaus, in dem abgerechnet wird. Mit dem Leben, der alten Liebe, den Verwandten, dem Geld und was einen noch so behindert beim Neuanfang. Nußbaumeder startet das „Festival der Uraufführungen“ bei den Ruhrfestspielen gleich in einer neuen Spielstätte, der Halle König Ludwig 1/2 in Recklinghausen. Mehr Erneuerung geht kaum beim Traditionsfest, das sich „Aufbruch und Utopie“ auf die Fahne geschrieben hat.

Folglich muss auch Anita schleunigst auf die Beine und Hudi hilft dabei. Regisseurin Heike M. Götze inszeniert die Begegnung wie einen Überfall. Hudi, eigentlich ein arbeitsloser Konditor, schäumt vor Energie. Anita wird transformiert, sie redet plötzlich schneller, erzählt von ihrem Ehemann, der schon ein Jahr tot ist, und hört, dass Hudi der Käsekuchen besonders schmeckt. Hier wird passend gemacht, was nicht zusammengehört. Und Regisseurin Götze lässt die Welten aufeinander krachen, laut und grob. Das irritiert, auch wenn sie sich küssen: „Schön“ – „lecker“. Sie sind zusammen.

Dramatiker Nußbaumeder erzählt, wie sich Anita über die Begegnung mit Hudi, der ihre verlorene Geldbörse zurückbringt, einer Gesellschaft öffnet, die die Ordnung früherer Klassenmodelle verloren hat und vom globalen Markt im Schwitzkasten gehalten wird. An diesem Punkt gibt es Bezüge zu Phil Jutzis Stummfilm „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ (1929) und Rainer Werner Fassbinders „Mutter Küsters Fahrt zum Himmel“ (1975). Die sozialen Analysen sehen einerseits den Ausweg der Mittellosen im Gemeinsinn des Kommunismus, andererseits wird bei Fassbinder bereits konstatiert, dass die Solidarität der Arbeiter längst zersetzt ist. Mutter Kramer dagegen war Grundschullehrerin und kennt keine Armut. Christoph Nußbaumeder zielt auf eine Lebenshoffnung, die von „himmlicher Gerechtigkeit“ getragen wird, um alle irdischen Verwerfungen zu tilgen. Ein individueller Ansatz, weil er nur von Anita formuliert wird.

Regisseurin Götze typisiert in der Koproduktion mit dem Schauspielhaus Bochum Nußbaumeders Figuren zu rabiaten Schranzen postmoderner Gier. Mutter Krauses Tochter (Sabine Osthoff) bebt und geifert, wenn sie an ihre Position als Chefin des Jobcenters denkt. Mit ihrem neuen Lover Karl (Krunoslav Sebrek) wird sie in einer übergroßen Schublade beim Sex gezeigt. Moralische Standards gehen unter. Ralf wird geil und mit rotem Pariser ausgestellt, das soll clownesk wirken, gerät aber zu vulgär und sensibilisiert nicht für Nußbaumeders Motive. Bettina Engelhardt spielt eine russische Raumpflegerin mit sexualisiertem Reifrock. Sie brachte vom Hausherren ein Kind auf die Welt. Dass sie bei Anita Goldmünzen stiehlt, scheint beinah folgerichtig, aber berührt nicht, weil Elena zur Karikatur verzehrt wird. Auch Felix, ein Student, wird von Damir Avdic naiv und gutgläubig hingestellt, so dass die politische Dimension seiner Bestechung nur eine Fußnote bleibt. Er hatte von Ralf Geld angenommen, um Anitas Aussage über Hudis Integrität in einem Zeitungsartikel zu entpolitisierten. Demokratie war gestern.

Nußbaumeders Aufklärungstheater wirkt appellativ, wenn Hudi die bürgerlichen Werte attackiert. Das wird im Bühnenbild (Dirk Thiele) anachronistisch, wo Kaffeekannen und Teller gehortet sind, und wo Türen zu Durchlässen geschlagen werden – wohin auch immer. Die Videoprojektionen von Bibi Abel überfrachten das ruinöse Haus und unterstreichen die brüchige Kulisse des trauten Heims. Raiko Küster als Hudi tanzt mit den Charlie-Chaplin-Schlappen seinen eigenen Rhythmus. Und Anke Zillich spielt die erstarkte Anita mit ganzem Körpereinsatz wehrhaft und unverdrossen. Ein paar sinnliche Momente und mehr psychologische Grundierung hätten der Aufführung gut getan. Auch vom Käsekuchen hat man am Ende die Nase voll.

ab 3.11. am Schauspielhaus Bochum

Quelle: wa.de

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