NRW-Forum zeigt „Zeitgeist und Glamour“

+
Fotograf Thomas Hoepker lichtete Gunter Sachs 1966 im Pelzmantel auf der Skipiste in St. Moritz ab. ▪

Von Kathrin Nolte ▪ DÜSSELDORF–Ein stattlicher Herr spaziert durch eine Schneelandschaft. Über seiner Wintersportbekleidung trägt er einen dekadenten Pelzmantel. Es ist der Playboy Gunter Sachs, Vertreter einer Spezies, die es heute kaum mehr gibt. Der Industriellenerbe, Urenkel von Firmengründer Adam Opel, verkörperte einen Lebensstil des Luxus – und ließ die Öffentlichkeit daran teilhaben. Er weilte oft im Schweizer Skiort St. Moritz. Das Alpendorf entwickelte sich in den 1960er Jahren zu dem Präsentierteller der High Society. Thomas Hoepker hielt die Szene 1966 in einer seiner Fotografien fest.

Zu sehen ist das Schwarz-Weiß-Bild in der Ausstellung „Zeitgeist und Glamour“. Das NRW-Forum in Düsseldorf lässt darin das Lebensgefühl der 1960er und 70er Jahre wieder aufleben. Die 430 Fotografien der Schweizer Nicola Erni Sammlung sind erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich. Es sind Dokumente der pulsierenden Atmosphäre dieser Jahre und zugleich Ausdruck des Geistes der Stunde – ein Archiv bestehend aus Lebensformen der mondänen Welt, in der Geld keine Rolle zu spielen schien. Gezeigt werden der Multimilliardär Aristoteles Onassis, Adelige wie Baronin Fiona von Thyssen, Musik-Ikonen wie die Beatles oder Mick Jagger, Schauspieler wie Peter O‘Toole oder Dennis Hopper, das Model Twiggy und Modeschöpfer wie Karl Lagerfeld oder Yves Saint Laurent.

Der gesellschaftliche Wandel dieser Zeit schlug sich nicht ausschließlich im politischen Protest der 68er-Bewegung nieder. Daneben entstand eine Kultur des Luxus, von Glanz und Glamour. Die Prominenz prägte ebenso diese Epoche wie die Hippies und Protestler.

Diesen Aspekt des Zeitgeistes thematisiert die Ausstellung. Der Besucher erlebt eine große Inszenierung von Eleganz, Exklusivität und Extravaganz. Neben Porträtfotos tragen auch Paparazzibilder dazu bei. Obwohl die meisten Aufnahmen schwarz-weiß sind, vermitteln sie doch den Eindruck einer überaus bunten Welt. Es war ein Zusammenspiel von Fotografen und Fotografierten, die Tabubrüche bewusst begingen. Berühmte Personen zeigten sich ungeniert in unberühmten Situationen.

Da rasiert sich die erste Ehefrau von Mick Jagger, Bianca, in einem schwarzen Abendkleid die Achselhaare. Der Pop-Künstler Andy Warhol, Teil der Szene und zugleich Beobachter, dringt in die Intimität ein und stellt sie offen zur Schau. Gleichzeitig kann die skurrile und schillernde Welt die Realität nicht gänzlich verdrängen. Richard Avedon rückt 1969 den Oberkörper von Warhol in den Fokus, der gezeichnet ist von Narben des Attentats vom Juni 1968 durch die Frauenrechtlerin Valerie Solanas. Eine der Schlüsselfiguren auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten wirkt auf diese Weise als Märtyrer – Warhols halb entblößter weißer Torso wird kontrastreich zu der schwarzen Kleidung inszeniert.

Die Stars der zwei beleuchteten Jahrzehnte entstanden auch durch die neue mediale Aufmerksamkeit in der so genannten Yellow Press. Der Jet-Set reiste um den Globus, um sich selbst zu feiern, und wurde dabei von Fotografen und Paparazzi begleitet. Des Eindrucks einer gestellten, bisweilen künstlichen Welt kann man sich nicht immer erwehren. Die Fotografien wirken oft surreal. Wenn beispielsweise Gracia Patricia, Caroline und Prinz Rainier III. von Monaco in feinster Abendrobe und Smoking, aufgetakelt bis in die Haarspitzen, vor dem Pariser Lokal „Maxim‘s“ aufgenommen werden, nicht anders als bei einem Opernbesuch.

Dazwischen gibt es immer wieder Aufnahmen, die durch ihren natürlichen Charme hervortreten – auch das Inszenierungen. Giancarlo Botti lichtete Brigitte Bardot 1961 bei den Dreharbeiten zu „Privatleben“ ab. Das Porträt besticht gerade durch die melancholische Stimmung und durch den verträumten Blick der Bardot, die mit ihrem naiven Image zu spielen wusste. Ebenso spontan wirkt Romy Schneider, die nur mit einem Laken bedeckt ihre unbefangene Schönheit zur Geltung bringt. Will McBride schaffte es so, den Filmstar in einem Moment der Unbekümmertheit lachend zu verewigen.

Die andere Seite der inszenierten Show-Welt sind die Paparazzi-Fotografien – meistens zufällige Schnappschüsse. Abseits des schönen Scheins gelang es den Stars und Ikonen nicht immer, ihre Fassade des Glamours aufrechtzuerhalten. Die Schauspielerin Sonja Romanoff fühlte sich 1970 in Rom von dem Fotografen Rino Barillari bedrängt und drückte ihm ein Eis mitten auf die Stirn. Dessen Kollege Giacomo Alexis reagierte prompt und schoss Fotos, die das Glamour-Geschäft weiter trieben.

Ein bisschen Ruhm wird auch dem Besucher im NRW-Forum zuteil, der von einem Blitzlichtgewitter begrüßt wird. Am Eingang wartet eine Fotografenmeute auf zwei Pappstellwänden.

Bis 15.5., di – so 11 – 20 Uhr, fr bis 24 Uhr, Tel. 0211/ 89 266 90,

http://www.nrw-forum.de,

Katalog: Prestel Verlag, München, 39,95 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare