Noel Gallaghers Soloalbum „Chasing Yesterday“

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Noel Gallagher posiert in London für sein Album „Chasing Yesterday“, das heute erscheint.

Von Frank Osiewacz - Das hätte selbst ein Noel Gallagher in all seiner Bescheidenheit nicht für möglich gehalten: 770 000 Mal verkaufte sich sein Debut-Album „Noel Gallagher’s High Flying Birds“ im Vereinigten Königreich und fuhr damit doppelt Platin ein.

Schon vor seinem ersten Solo-Werk im Post-Oasis-Zeitalter, das in Deutschland Platz 11 erreichte, hatte Gallagher verlauten lassen, er habe genügend Material für zwei Alben. Nun – nach gut drei Jahren – legt er mit „Chasing Yesterday“ (Sour Mash Records) den Nachfolger des erfolgreichen Erstlings vor. Man werde einen anderen Noel Gallagher erleben, hieß es im Vorfeld. Tatsächlich birgt das Album einige wohltuende Überraschungen, seine bekannte Handschrift hat der ehemalige Oasis-Mastermind allerdings ebensowenig verwischt.

„Chasing Yesterday“ bewegt sich zwischen besinnlichen Balladen, knackigen Rock-Hymnen, schmissigen Disco-Beats und sporadischen Jazz-Exkursen. Auf letztere ist Gallagher besonders stolz: Zu Oasis-Zeiten habe man sich in der Band noch über den Begriff „Space Jazz“ lustig gemacht, so Gallagher. Heute ist das Unwort von damals für ihn zur Realität geworden. Das Stück „The Right Stuff“ sei „abgefahrener Jazz“, sagt der 47-Jährige, der ja für seine Superlative bekannt ist. Zwar macht der Saxophonist, den er für mehrere Soli verpflichtete, aus einem Rock- noch lange kein Jazz-Album, doch Gallagher gewinnt durch die fein platzierten Saxophonklänge neben „The Right Stuff“ auch in Stücken wie „Riverman“ und „While The Song Remains The Same“ durchaus bereichernde Akzente in seinem Werk hinzu.

Gallagher, der erstmals die komplette Produktion für ein Album übernahm, gönnt sich viel Raum für die Entfaltung seiner Klangbilder. „Riverman“, das mit typischen Oasis-Akustik-Akkorden beginnt, entwickelt sich zu einer vielschichtigen, fließenden Rock-Ballade mit ungewohnt langen Gitarrensoli und endet kurz vor der Sechs-Minuten-Grenze. Noel Gallagher spricht bei dem Opener des Albums von dem „vielleicht besten Song“, den er je geschrieben hat.

Dass der nächste unter seinen vermeintlich „besten Songs“ (Zitat: Gallagher) nur eine gute halbe Stunde später folgt, ist zum Teil auch dem legendären Smiths-Gitarristen Johnny Marr zu verdanken, den Gallagher bei „Ballad Of The Mighty I“ für ein Gastspiel gewann. Entstanden ist ein gut fünfminütiger, groovender Disco-Rock-Song epischen Ausmaßes, dessen Refrain ein wenig an den Titelsong aus „Skyfall“ erinnert. Wesentlich deutlichere Erinnerungen weckt das als Hommage an seine Frau gemeinte „The Girl With The X-Ray Eyes“. Daraus, dass hier David Bowies „Starman“ Pate gestanden hat, macht Noel Gallagher keinen Hehl: Wenn man ihn mit dem Vorwurf konfrontieren würde, ließe er einen Song eher noch mehr danach klingen, als die Einflüsse zu leugnen.

Während der ersten Deutschland-Tournee zu seinem Debut-Album bestritt Gallagher mangels Masse knapp die Hälfte seines Sets aus Oasis-Klassikern. Das muss er nun nicht mehr. Und dennoch werden die Fans in seinem neuen Opus so etwas wie die Endmoränen vergangener Tage wiederfinden: In „You Know We Can’t Go Back“, „The Dying Of The Light“ und „Lock All The Doors“ feiert der alte Oasis-Sound fröhliche Urständ. Das ungebremst rockende „Lock All The Doors“ geht als Fragment sogar ins Jahr 1990 zurück und wurde – laut Gallagher durch einen Geistesblitz nach dem Einkaufen – erst 2013 zu einem fertigen Song.

Noel Gallagher stöbert mit den zehn Songs auf „Chasing Yesterday“ ebensowenig ausschließlich im „Gestern“ wie er sich radikal neu erfindet. Für letzteres ist Gallagher einfach zu viel Gallagher. Ein Jazz-Album ist „Chasing Yesterday“ wahrlich auch nicht geworden. Dafür aber ist das zweite Soloalbum das Dokument einer geglückten Expedition in die Schnittstelle, dorthin wo Tradition und die Lust am Experimentieren Raum für erweiterte Klangbilder schaffen.

Noel Gallagher’s High Flying Birds, 19. März, Mitsubishi Electric Halle, Düsseldorf

Quelle: wa.de

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