Der "Motzki" des Britpop

Noel Gallagher gibt Konzert in Düsseldorf

+

DÜSSELDORF - Sein Image hat Noel Gallagher längst weg. Mit den Kommentaren über Musikerkollegen, seiner Meinung zur Plattenindustrie und nicht zuletzt dank des öffentlich ausgetragenen Zwists mit Bruder Liam hat sich der 47-Jährige zum „Motzki“ des Britpop gekrönt. Beim Konzert seiner High Flying Birds in Düsseldorf zeigt der Brite eine ganz andere Seite - zumindest zu Beginn.

Von Tim Griese

Auf der Bühne der Mitsubishi Electric Halle mitten im Scheinwerferlicht gibt sich Noel Gallagher zurückhaltend, ja fast schon schüchtern. Die Ansagen sind rar gesät. Einmal in Fahrt, beweist der Musiker dann aber, dass er alles, nur nicht auf den Mund gefallen ist. Auf einem Plakat im Publikum wird gefragt, wo sich sein Bruder befinde? "Wahrscheinlich verbringt er die Zeit damit, sich im Spiegel anzusehen", sagt Gallagher trocken. Später die gleiche Frage in Grün: "Wo ist denn der Hübsche?" ruft ein Zuhörer. "Der kommt nicht aus Deiner Familie. Da kannst Du sicher sein", kontert der Brite das Fan-Gefrotzel.

Noel Gallagher weiß, wie er seinen Anhang nehmen muss, und auch die Fans haben ein Gespür für den richtigen Umgang mit dem Sänger. Das hat schon was von einer neckischen Spielerei, die sich beide Parteien liefern. Zwischendurch wird Gallagher mit Zwischenrufen bombardiert. "Warum schreit Ihr mich an?" fragt er über den Bühnengraben hinaus in den Pulk. "Was wollt Ihr denn jetzt schon wieder von mir?" Einiges: Liebe bekunden, Songs wünschen, die nicht gespielt werden, und Rabatz machen. Die Leute freuen sich einfach.

Mehr Bilder vom Konzert:

Konzert: Noel Gallagher in Düsseldorf

Musikalisch neu erfindet sich Gallagher auf Solopfaden nur bedingt. Auf "Chasing Yesterday", dem kürzlich erschienen zweiten Album, spielt er ein wenig mit Jazz-Elementen, baut Blasinstrumente ein und präsentiert auch mal ein ausladendes Gitarrensolo. Davon abgesehen ist es die rockige Weiterentwicklung des Britpops, die da aus den Boxen tönt. Schon zu Oasis-Zeiten kamen Hits wie „Wonderwall“, „D’You Know What I Mean“ oder „Go Let It Out“ aus Gallaghers Feder. Neuere Songs wie "If I Had a Gun...", "Everybody's on the Run" und "Dream On" knüpfen an diese Vielfalt aus rockigen Nummern und balladesker Melancholie an.

Da braucht es auf der Bühne keine große Show. Gallagher, seine vier Bandkollegen und auch die drei Blasinstrumentalisten bewegen sich nicht von der Stelle. Tanzen könne er sowieso nicht, hat der verschrobene Brite erst kürzlich in einem Interview gesagt. Er müsse sich aufs Gitarrespielen konzentrieren, Zeit für etwas anderes gebe es da nicht. Die Songs sollen für sich sprechen: "Riverman" etwa, psychedelisch angehaucht und schwelgerisch zugleich - ein Song für die verrauchte Kneipe nach Mitternacht. Oder "You Know We Can't Go Back", rockig, schon fast punkig mit einem Refrain, der auch noch bei zwei Promille sitzt. Oder aber "The Mexican", ein bluesiges Riff-Monster, bei dem die Bläser für zusätzliche Dramatik sorgen.

Nur nach vorne schauen, will Noel Gallagher nicht. Den einen oder anderen Oasis-Song serviert er als Zwischenhäppchen, darunter "Champagne Supernova" und "Don't Look Back in Anger", das im Zugabenteil für Gänsehaut-Atmosphäre sorgt. Beinahe ehrfürchtig singt das Publikum mit. Der Abend wird auf einmal ganz intim. "Blicke nicht zurück im Zorn", singt Gallagher im Refrain. Vielleicht nehmen es die Brüder ja wörtlich und raufen sich für eine Oasis-Reunion zusammen. Langweilig wird's den Fans bis dahin nicht werden: Noel Gallagher's High Flying Birds sind weitaus mehr als ein Pausenfüller.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare