Nina Hagen singt Gospels in Hamm

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Mit Extrem-Mimik trug Nina Hagen ihr Programm „Personal Jesus“ in der Hammer Pauluskirche vor. ▪

HAMM ▪ Ihre frohe Botschaft will Nina Hagen von der ersten Minute an verbreiten. Als die schrille Rockröhre mit ihrer dreiköpfigen Band den Altarraum der Hammer Pauluskirche betritt und die Vorstellung ihrer Mitstreiter an Sound-Problemen scheitert, ist einer der ersten Laute, den man klar und deutlich vernimmt, ein freudig-heiseres Jauchzen: „Woohoo“. Von Tobias Schröter

Denn Nina Hagen hat zurückgefunden zum christlichen Glauben. Nach UFO-Spinnereien und Ausflügen in Esoterik und Mystizismus ist die Weltenbummlerin seit 2009 glücklich getaufte Christin – eine Wandlung, der sie mit ihrem Album „Personal Jesus“ Nachdruck verleihen will. Dass man der oftmals in anderen Sphären verkehrenden Musikerin diesen abenteuerlichen Mix aus Gospel, Blues und Country inhaltlich nicht ganz abkauft, ist wohl einer der Gründe, warum man den Auftritt in der Pauluskirche keine absolute Erfolgsgeschichte nennen kann.

Los geht es mit dem fröhlichen Gospel „God‘s Radar“ und dem ähnlich gearteten „Right on time“, welche die Problematik sehr schön deutlich machen: Auf der einen Seite steht Nina Hagens beeindruckende Stimme, die eine unglaublich breite Palette beherrscht: Von reinen, hohen Tönen bis herunter zum tiefen Bariton reicht die Skala, dazu kommen heiseres Krächzen, geradezu maliziöses Fauchen und röhrige, ja fast schön rülpsende gutturale Laute.

Das fesselt und könnte einen hineinziehen in diese spannende Musik-Glaubenswelt, wenn da nicht der störende Kontrast wäre: Angefangen vom gewohnt skurrilen Outfit mit rotem Blümchenkleid und bunter Haarreif-Krone über den überdrehten Gestus mit zappelnden Bewegungen und unvergleichlichen Gesichtsverzerrungen hin zu benebelten Zwischenmoderationen mit Glaubensbotschaften. Das ist dann zwar definitiv eine authentische Nina Hagen, aber keine Situation, in der sich das Konzert zu einem kollektiven Massengebet wie in einer afro-amerikanischen Baptistenkirche ausweiten würde – dafür ist ihre Art der Gospelmusik zu abgedreht. Es bleibt bei gelegentlichem Mitschunkeln und Mitklatschen in den Kirchenbänken sowie bravem Applaus nach den Liedern.

Zum ersten Mal besser wird die spirituelle Verknüpfung zwischen Sängerin und Publikum dann ausgerechnet bei einer eigentlich unfreiwillig komischen Interpretation von Michael Jacksons „We are the World“, in der Nina Hagen eine selbstgedichtete deutsche Fassung zum Besten gibt – aber allein schon der hymnenartige Charakter des Liedes überzeugt. Auch das thematisch aus dem Rahmen schlagende „All the fascists bound to lose“ reißt das Publikum mit, ebenso der Ska-Song „Jesus is a friend of mine“.

Schwächer sind hingegen das titelgebende „Depeche-Mode“-Cover „Personal Jesus“ oder die zwischenzeitliche Kurzversion von „Down by the River Side“: Hier bleibt die Nina-Hagen-Version mit eigenwilligem Gesangstempo und ekstatischen Ausrufen hinter den Originalen zurück. Auch eine fragwürdige Rockversion des „Vater unser“ kommt nicht wirklich an.

Versöhnlich ist der Abschluss: Die Akustik hat sich eingespielt, mit angenehmem Hall streifen Blues-Stücke durch die Kirche. Und als die Zuschauer dann nach dem Schluss-Applaus bei der vierfachen Zugabe mit Liedern wie „Hava Nagila“ und Joan Osbornes „One of us“ allesamt stehen, ist es in etwa so, wie man sich den ganzen Abend gewünscht hätte: Eine große Gospel-Gemeinde und ihre lautstarke Predigerin.

Quelle: wa.de

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