Nick McDonells neuer Roman: „Ein hoher Preis“

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Nick McDonell ▪

Von Annette Kiehl ▪ „Wenn man reich ist, sieht man, wie die Armen leben, aber wenn man arm ist, kann man nicht sehen, wie die Reichen leben“.

Diesen Satz sagt Jane ganz beiläufig in ihrer Lieblingsbar, dem Shay‘s, gegenüber der Kennedy School of Government in Harvard, zu ihrem Freund David. Die Politikstudentin ist reich, hat stets die besten Schulen besucht, und so trifft sie auf der Raucherterrasse ganz selbstverständlich immer jemanden, den sie kennt und öfters auch jemanden, der nützlich ist. Bei der Vermittlung des nächsten Praktikums beim renommierten „Vanity-Fair“-Magazin etwa, oder bei der Recherche eines Artikels für die Campuszeitung. Zum Beispiel über die Politikwissenschaftlerin Prof. Susan Lowell, die gerade den Pulitzerpreis für ihr Buch erhalten hat. Der afrikanische Widerstandskämpfer Hatashil, den sie darin als Helden preist, soll in einem Dorf an der somalisch-kenianischen Grenze ein Massaker verübt haben.

In seinem neuen Buch „Ein hoher Preis“, das auf Englisch „An Expensive Education“ (in etwa: eine teure Lehre) heißt, spürt Nick McDonell dem Geist an einer der renommiertesten Universitäten nach. Er betrachtet das Beziehungsgeflecht und die Antriebe der Mächtigen, Ehrgeizigen und Klugen, und entspinnt so einen Spionagethriller.

Janes Freund David ist von außen in diese elitäre Welt eingedrungen. Er stammt aus Afrika, aus bescheidenen Verhältnissen; große Erwartungen sind an sein Studium im Politikinstitut bei Prof. Lowell in Harvard geknüpft. Die Aufnahme in einen exklusiven akademischen Zirkel wäre für ihn ein wichtiger Schritt; denn immerhin rekrutiert der Geheimdienst hier seinen Nachwuchs. David könnte seine Beziehungen nach Afrika nutzen.

Die Verbindungen der ehrgeizigen Politikprofessorin und ihrer Bewunderer nach Afrika und zu dem Rebellen Hatashil nutzt McDonell als eine Art Lackmustest für die Motivation dieser Figuren. Geht es ihnen um das Gute oder nur ums eigene akademische Fortkommen? Der Autor, der mit 26 Jahren bereits zu den Stars der US-Literatur zählt, kennt diese Welt von innen. Als Sohn prominenter Journalisten in New York aufgewachsen, studierte McDonell selbst in Harvard, reiste lange durch Afrika und begleitete US-Soldaten im Irak als „embedded journalist“. „Ein hoher Preis“ schrieb er größtenteils in Hotelzimmern in Ost-Afrika. Dem Schriftsteller und Reporter gelingt ein erstaunlich genauer Blick auf den Kosmos einer selbstgenügsamen, doch fehlbaren Elite.

Dabei zeichnen „Ein hoher Preis“ die Qualitäten aus, die bereits McDonells 2002 erschienenen Debütroman „Zwölf“ besonders und zu einem internationalen Bestseller machten: Die kühle Haltung, mit der er episodenhaft die Figuren beschreibt, stets nur Aspekte der Persönlichkeit kurz und emotionslos schildert und konsequent auf Helden verzichtet. Ob die reiche Studentin Jane, ihr afrikanischer Freund oder der Geheimdienstagent: Stets verbinden sie egoistischen Ehrgeiz mit politischem Engagement, bewegen sich so stets in einer Grauzone.

Doch Nick McDonell hat sich in seinem literarischen Stil weiterentwickelt, zeigt sein dritter Roman „Ein hoher Preis“. War „Zwölf“, die kürzlich verfilmte Geschichte über die verwöhnten und drogensüchtigen Kinder der New Yorker Oberschicht, noch radikal in ihrer Kürze und Lückenhaftigkeit, so ist der neue Thriller von kühler Eleganz geprägt. Die Figuren hier wirken in den Szenen lebendiger, vielschichtiger und begegnen aktiv den Problemen, statt sie mit Drogen aus dem Leben zu drängen. Die Kinder der Park Avenue sind erwachsen geworden.

Nick McDonell: Ein hoher Preis. Roman. Berlin Verlag 2010. 304 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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