Nick Cave bietet in Düsseldorf die ganz große Show

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Nick Cave beim Konzert in Düsseldorf.

DÜSSELDORF - Die von den Fans zugerufenen Liedtitel ignoriert Nick Cave geflissentlich oder begründet kurz, warum er den Song nicht spielt. Eine Art Wunschkonzert wird er trotzdem, der zweite Auftritt der Deutschlandtournee vor knapp 6000 Zuschauern in der Mitsubishi Electric Halle Düsseldorf.

Von Frank Zöllner

Der Schlacks mit der dunkelschwarzen Mähne ist in seinem schwarz-glänzenden Anzug gut aufgelegt und gibt den Zeremonienmeister mit morbider Ausstrahlung für die nächsten eindreiviertel Stunden. Und die werden eine Zeitreise durch die mittlerweile 30 Jahre umfassende Bandgeschichte.

Den Auftakt macht aber mit „We No Who U R“ ein ruhigerer Titel vom im Frühjahr erschienenen Album „Push The Sky Away“. Danach nimmt der mittlerweile 56-jährige Songwriter erst einmal Fahrt auf – auf die zum eigenen Markenzeichen gewordene Art. „Jubilee Street“, ebenfalls vom neuen Album, ist eine klassische Bad-Seeds-Nummer. Der siebenminütige Song steigert sich immer mehr zu einer ohrenbetäubenden Kakophonie.

Es soll nicht das letzte Mal an diesem Abend sein, dass aus einem ruhigen Beginn irgendwann die musikalische Hölle los bricht. Wie bei „Tupelo“, der Geschichte der Geburt von Elvis Presley in einer Gewitternacht, und „Red Right Hand“ reicht ein einleitender Gitarren- oder Pianoakkord, und die Fans wissen sofort, welcher Klassiker nun gespielt wird.

Die sechsköpfige Band ist in exzellenter Spiellaune, jeder der sparsam und punktgenauen Töne sitzt. Das Bühnenbild besteht nur aus einem Vorhang. Stattdessen wird an diesem atmosphärisch sehr dichten Konzertabend mit dem passenden Lichteinsatz die Stimmung der Songs unterstrichen. So dürfen sich die Besucher etwa bei „God Is In The House“ andächtig lauschend wie in einer Kathedrale fühlen. Mit „Watching Alice“ gibt es einen Song aus den Anfangstagen, als der seit langen in England lebende Australier in den 80er Jahren in West-Berlin lebte.

Kraft- und druckvoll ist der Vortrag, inklusive wilden Eruptionen und grotesken Tanz-Verrenkungen von Nick Cave. Aber es geht auch anders: Zu „Higgs Boson Blues“ fordert er seine Musiker auf: „Spielt es sanft“ und bedankt sich nach Wunscherfüllung („Beautiful, boys“). Na ja, wie soft es eben im Universum von Nick Cave zugehen kann. Ebenfalls fast andächtig wird es bei der Ballade „Into My Arms“, einem von drei Songs, die Cave am Piano sitzend vorträgt.

Kurz zuvor steht er oberhalb des Publikums wie ein manischer Priester, fällt dann auf die Knie am Bühnenrand und brüllt Nase an Nase den Fans die Zeilen von „From Her To Eternity“ entgegen. Damit zeigt er: Wir könnten es leise angehen, wollen es aber nicht. Und dieses Eruptive passt hervorragend zu den vertonten Geschichten von Nick Cave, die sich oft um Schuld, Sühne, Begierde und Vergebung drehen.

Zudem sind die wilden Passagen von Warren Ellis, dem schratig wirkenden Violinisten und musikalischen Taktgeber der Bad Seeds, ein Genuss für Ohren und Augen. Wenn er mit gebückten Rücken vom Publikum abgewandt seine Geige malträtiert und nach Liedende den Bogen von sich schleudert, löst das staunende Blicke aus. Aber er kann auch sanft auf einer Querflöte trällern.

Unumstrittener Höhepunkt des herausragenden Abends ist der Klage-Gesang von „The Mercy Seat“ und wenig später „Stagger Lee“. Es ist die einzige Mörderballade im Set vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1997. Und wie Cave hier raunt, winselt, hechelt – und dazu die Bad Seeds im blutroten Licht infernalischen Krach produzieren, der in vier aktustisch vorgetragenen Einschusslöchern in der Stirn des Teufels endet – das ist eine ganz große Show ohne jedes technische Brimborium.

Die Setlist: 1. We No Who U R 2. Jubilee Street 3. Tupelo 4. Red Right Hand 5. Mermaids 6. From Her To Eternity 7. West Country 8. God Is In The House 9. Watching Alice 10. Into My Arms 11. Higgs Bosom Blues 12. The Mercy Seat 13. Stagger Lee 14 Push The Sky Away Zugabe 15. We Real Cool 16. Papa Won't Leave You, Henry 17. Give Us A Kiss

Quelle: wa.de

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