„New Worlds“: Bill Murray und Jan Vogler in Recklinghausen

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Mira Wang (Violine, von links), Vanessa Perez (Klavier), Bill Murray (Schauspieler) und Jan Vogler (Cello) brachten ihr Programm „New Worlds“ zu den Ruhrfestspielen.

RECKLINGHAUSEN Bill Murray wirft mit Rosen. Schnell geht der Hollywoodstar noch die Stufen ins Parkett hinauf. Ja, seine Blumen fliegen bis in den Rang des Festspielhauses. Er feixt, lacht, amüsiert sich, und das Publikum in Recklinghausen ist einfach begeistert. Der coole Komiker mit dem Knautschgesicht, wann war er so ausgelassen?

Mit seinen fünf Zugaben hatte Bill Murray (67, „Und täglich grüßt das Murmeltier“) schon erfreut. Ein schottisches Traditional („The Bonnie Banks o’ Loch Lomond“) bietet er inbrünstig, bei „My Girl“ von den Temptations sprüht er vor Freude, ist albern, selbstironisch. Und bei dem sozial engagierten Stück „The Way it is“, da wird Murray eins mit der hymnisch gespielten Botschaft von Bruce Hornsby. Mit aller Kraft und Entschlossenheit trägt er den Song vor, wie er danach fast beschwörend grimmig die Verse aus Lucille Cliftons „Blessing The Boats“ raushaut. Die afroamerikanische Schriftstellerin (1936–2010) hat über ihr Leben geschrieben, über Humanität, und der Schauspieler stellt sich dazu.

Murray ist nicht nach Deutschland gekommen – vorher trat er in Gütersloh und Berlin auf –, um politisch zu werden. Kommentare zu Donald Trump sind nicht seine Art. Das literarische Musik-Programm „New Worlds“ hat er mit Jan Vogler, dem deutschen Star-Cellisten, entwickelt. Seit 2017 liegt die Aufnahme vor, die an der Spitze der US-Klassik-Charts stand. Beide haben sich auf einem Flug kennengelernt, sprachen über amerikanische Autoren und entwickelten aus dem gemeinsamen Verständnis eine Freundschaft und eine Zusammenarbeit. Termine in Großbritannien, Island, Griechenland und Australien folgen noch in diesem Jahr.

Jan Vogler grundiert den Abend mit der Cello Suite No. 1 von Johann Sebastian Bach. Dazu spricht Murray Zeilen von Walt Whitman („Songs of The Open Road“), dem Vater der amerikanischen Lyrik. Offen und ernsthaft tragen beide ihre Kunst vor und schaffen eine gefasste Stimmung. Mit der Pianistin Vanessa Perez und Mira Wang (Violine), seiner Frau, musiziert Jan Vogler auf der großen Bühne der Ruhrfestspiele. Bill Murray wird sie ausfüllen. Zu Franz Schuberts Piano Trio No. 1 in B-Dur ist eine Landschaftsbeschreibung aus der „Wildtöter“ von James Fenimore Cooper (1789-18-51) zu hören, die Murray einfach vorträgt, ohne ein Geheimnis im Naturschönen zu erahnen. Zu Hemingways „Paris – Ein Fest fürs Leben“ spricht Murray den Maler Pascin als kauzigen Trinker, der dem jungen Hemingway seine Akt-Modelle zum „Bumsen“ andient – „ins Atelier?“ Es gab auch Passagen ohne Musik.

Zu George Gershwins „It ain’t necessarily so“ aus der Volksoper „Porgy and Bess“ singt Murray, dehnt die Silben, presst die Worte wie ein Jazzer, swingt und schnipst mit den Fingern. Das Jackett hat er nun abgelegt, er schnuppert an der Violinistin und lässt sie zu Piazzollas „Oblivion“ stehen, bis sie weitertanzen und ein schönes Paarbild zu zweit bieten, das einzige an diesem Abend.

Die Ballade „Jeanie With The Light Brown Hair“ von Stephan Foster (1826–1864), bekanntester Songwriter seiner Zeit („Old Folks at home“), ist voller Vergeblichkeit. Tom Waits „The Piano Has Been Drinking“ taucht als gespielter Witz auf, bei dem Murray auf die Tasten haut und mit dem Po Akkorde setzt. So rebellisch will ihn das Publikum sehen.

Bill Murray kann gar nicht richtig singen. Van Morrisons „When Will I Ever Learn to Live in God?“ brüllt er heraus, und hat sich bei all der Verzweifelung noch nicht aufgegeben. Das Publikum jubelt. Es jubelt auch dem Gefühlsclown bei „I Feel Pretty“ aus der Westside-Story zu, dem tapsigen Bär bei „I Like to Be In America“, der maßlos übertreibt.

Alles fasst hier wunderbar zusammen. Auch Henry Mancinis Melodie „Moon River“ beruhigt wohltuend, nachdem zu hören war, wie der schwarze Junge Jim vor Sklavenjägern gerettet wird. Eine Stelle in Mark Twains Jugendbuchklassiker „Huckleberry Finn“. Es gibt viele andere.

Für Murray, Vogler & Friends geht es in „New Worlds“ um wirkmächtige Literatur, um das amerikanische Songbook, um europäische Klassik, um Anstand, Mut und Menschlichkeit.

Quelle: wa.de

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