Gorkis „Wassa Schelesnowa“ in Bochum

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Kalt, entschlossen und einsam: Wassa Schelesnowa (Katharina Linder) in dem gleichnamigen Stück in Bochum.

Von Achim Lettmann BOCHUM - „Denk’ an die Kinder“, sagt Wassa und fährt ihren Mann an. Die Mutter empfiehlt ihm ein „Pulver“, damit er nicht die Ehre der Familie belastet. Denn Sergej hat eine Anklage wegen Kindesmissbrauchs zu erwarten, also Zwangsarbeit. Wie Wassa den trotteligen Tyrann mit Drohungen und Küsschen auf den Schädel richtet, ist eine kalte Liquidation, so effektiv agiert Katharina Linder als Titelheldin in „Wassa Schelesnowa“ (von 1935).

Sie ist das Familienoberhaupt, sie lenkt die Reederei, sie entscheidet sogar über Leben und Tod. Katharina Linder stemmt sich in diese Figur und verkörpert noch eine frühindustrielle Machtfülle. Straff sieht sie aus, das blonde Haar zum Zopf gezwungen, eine historische Institution. Als Mutter bleibt sie dagegen ein Symbol. Nur drei ihrer neun Kinder leben noch. Aber während der kranke Sohn im Ausland ist, nerven die vernachlässigten Töchter. Ljudmila darf nicht mal ihre Träume erzählen, die Firma geht vor.

Maxim Gorkis Stück erfährt am Schauspielhaus Bochum eine konsequente Aktualisierung, in dem Regisseur Jan Neumann das Figurentableau mit Typen aus dem Russland Wladimir Putins erneuert. Die Töchter erproben sich auf schrillen Partys. Mit Technomusik, Komasaufen und Sex wird die Lebensleere überblendet. Wassas Bruder wartet auf den Bürgermeisterposten, um die Oligarchen politisch zu flankieren. Bis dahin piesackt er die Dienstmägde („Sumpfhuhn“) und mobbt eine in den Selbstmord. Gewalt, Gefühlskälte und Unmoral sind in Neumanns Inszenierung greifbar. Dabei gelingt dem Regisseur, dass Gorkis Abgesang aufs Zarenreich zu einem scheußlichen Sittenbild des Russlands unserer Tage wird. Wichtig sind ihm die Wasserträger der Macht. Anna, Wassas Sekretärin in roten Stöckelschuhen, wird von Daniel Stock als devot-neurotisches Zwitterwesen angelegt. Das Unbehagen, das Stock in seiner Rolle verstrahlt, wird dynamisiert, als er die Rebellin Rachel mit brachialem Polizeigriff über die Bühne zerrt. Solche Bilder erinnern an Bürgerrechtler, die von der Staatsmacht in Moskau kassiert werden. Das schockiert. Bettina Engelhardt spielt Rachel, Wassas Schwiegertochter, als freigeistige Revoluzzerin, die mit blankem Busen („We know the facts“) gegen das System protestiert. Laut wie die Aktivistinnen von Femen. Als Mutter überzeugt auch sie nicht.

Regisseur Neumann macht aus dem sozialistischen Klassiker eine Gesellschaftstragödie, weil er den moralischen Tiefstand und die Sinnkrise der Schelesnowa noch mit russischen Neureichen unterspült. Beim Familienfest – Wassa ist aus dem Haus – verschafft sich der Matrose Pjatjorkin (Felix Lampert) als Stripper eine gute Ausgangslage und legt Ljudmila flach. Friederike Brecht spielt sie als unbedarfte Göre, während ihre Schwester (Therese Dörr) Modelposen einnimmt und Wodka kotzt. Nach Extase, Verfall und Wassas Tod geht’s mit Anna, die wie eine blutrünstige Untote schreit, Pjatjorkin und Co. weiter. Das Matriarchat ist beendet. Dass Wassa ihren Enkel nicht der wahren Mutter Rachel überlassen hat, weil sie den Jungen als ihren Erben einsetzen wollte, mag man ihr fast verzeihen, denn die Fratze des neuen Russlands ist in Bochum bedrohlicher als die herzlose Diktatur der Wirtschaftslenkerin.

Daniel Angermayr (Bühne) hat für „Wassa Schelesnowa“ im klassischem Chefbüro einen Schreibtisch platziert, der sich bewegt, weil er der Macht gehorcht. Ein bisschen Ironie tut der Inszenierung gut, da Regisseur Neumann neben der Allmacht eine Daseinsleere wechselweise evoziert, die alles zulässt: Intrige, Verrat, Raub und Mord. Wassas Tod bedrückt, weil nichts Besseres kommt.

6., 10., 20. 10., 7., 14. 11.; Karten-Tel. 0234/3333 5555

Quelle: wa.de

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