Jan Neumann inszeniert in Essen „Der Fall der Götter“

Wie an einem Königshof: Szene aus „Der Fall der Götter“ in Essen mit Thomas Büchel, Philipp Noack, Floriane Kleinpaß, Jens Winterstein und Ines Krug

ESSEN - Da stieben die Funken, Flammen schießen auf, es qualmt und blitzt. Dazu wummern, fauchen, hämmern unsichtbare Maschinen. Regisseur Jan Neumann beschwört in seiner Inszenierung „Der Fall der Götter“ am Grillo-Theater in Essen beeindruckend eine Kamerafahrt durch ein Gussstahlwerk. Und alles analog, ohne Videoeinspielung. Am Ende räumen die Bühnenarbeiter ab, das Spiel beginnt.

Das fast dreistündige Stück beruht auf Luchino Viscontis Film „Die Verdammten“ von 1969, aber es bringt den Stoff sozusagen an seinen Entstehungsort zurück. Denn die Industriellendynastie der von Essenbecks, deren Patriarch Joachim als Erzähler aus dem Bühnenboden auffährt, passgenau in einen pelzbesetzten blauen Königsmantel, die geht zurück auf die Krupps. Die Handlung freilich ist fiktiv. Visconti dachte sich ein Drama aus Machtgier und Mord aus, das Elemente aus Wagners „Götterdämmerung“ und Shakespeares „Macbeth“ in die Frühzeit der NS-Diktatur verlegt. Joachim von Essenbeck möchte durch Taktieren sein Unternehmen vor dem Zugriff der Nazis schützen. Auf Betreiben der Machthaber wird er ermordet und die Tat Herbert Thalmann angelastet, einem Regimegegner in der Firmenführung. Nun beginnt das tödliche Intrigenspiel unter den Erben. Joachims Sohn Konstantin ist Mitglied der SA. Die Witwe seines im Krieg gefallenen Bruders hat sich mit dem ehrgeizigen Direktor Bruckmann verbündet, ihrem Liebhaber. Ihr Sohn Martin, ein labiler Pädophiler, ist nomineller Erbe. Und zwischen allen zieht der SS-Hauptsturmführer Aschenbach die Strippen.

Das alles taugt gewiss auch für die Bühne, aber jede neue Version konkurriert mit Viscontis suggestiver Umsetzung u.a. mit Stars wie Dirk Bogarde, Helmut Griem, Charlotte Rampling und Helmut Berger, der in der Rolle des Martin seinen internationalen Durchbruch erlebte. Leider setzt Neumanns Inszenierung keine neuen Akzente, sondern erzählt die Geschichte recht plan mit einigen Einschüben, in denen das Publikum angesprochen wird. Der Abend sieht vor allem immer wieder mal sehr gut aus, zum Beispiel mit dem glitzernden Sektturm bei der Geburtstagsfeier Joachims oder mit den bunten Papierstreifen, die wie Girlanden zum SA-Besäufnis vom Bühnenhimmel fallen. Und in Cary Gaylers Bühnenbild mit den wuchtigen grauen Wandelementen entstehen immer wieder imposante Durchblicke. Die Drehbühne des Grillo-Theaters muss heißlaufen, so intensiv nutzt Neumann sie, um besonders am Anfang die vielen Personen vorzustellen, und wenn Aschenbach mit Bruckmann diagonal läuft, an den anderen vorbei, rotieren sie ins Bild, erscheinen, als wäre es ein Filmschnitt.

Leider vergisst Neumann hier alle szenische Ökonomie. Jeder Einfall wird so lang ausgebreitet, dass der Zuschauer abwinken möchte: Ja, gut, ich hab‘s doch schon kapiert! Zwischendurch springen die mörderischen Männer umher, grunzen wie Affen und schlagen sich auf die Brust. Man könnte die archaischen Urtriebe wie Gier, Hass und Mordlust auch etwas subtiler darstellen. Alexey Ekimov spielt den Kindsmissbrauch Martins mit einer Puppe durch, leckt sie ab, führt sie an Unterleib und Hintern und immer weiter. Jan Pröhl in der Rolle des Konstantin grölt als Ein-Mann-SA-Orgie am Tegernsee im blauen Dirndl mit blonder Perücke gleich drei Nazi-Hits statt nur „Es zittern die morschen Knochen...“. Wenn Stefan Migge als Bruckmann ihn anschließend erschießt, dann machen sie daraus eine Art Vergewaltigung mit Maschinenpistole. Ob nun Ekimov Martins Vergewaltigung der eigenen Mutter Sophie (Ines Krug) mimt mit erregtem „Mama“-Stammeln oder Stefan Diekmann die Abrichtung der Industriellensöhne zu aufgeputschten Nazis, indem der sie den rechten Arm zum Hitlergruß heben und dazu „Hass“ schreien heißt, das wird stets wiederholt, wieder und wieder, und dann noch einmal.

Einige Darsteller sind richtig gut, Stefan Diekmann zum Beispiel als aasiger, kalter Intrigant Aschenbach, eine Mischung aus Hagen und Mephisto. Oder Ines Krug, die Sophie mal als Gesellschaftsdame, dann als übergriffiges Muttertier, dann als kühle Strategin anlegt. Alexey Ekimov als labiler, triebgesteuerter Industriellensohn. Auch Jens Winterstein gibt zunächst dem Patriarchen Joachim Autorität, später ist er ein versierter, wandelhafter Erzähler.

Aber auch sie retten den biederen, überladenen, schwerfälligen Abend nicht.

26.4., 5., 6., 11., 30.5., 13., 16.6., Tel. 0201/ 81 22 200, www.theater-essen.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare zu diesem Artikel