Neuer Blick auf Camille Corot in Karlsruhe

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Subtile Andeutungen von Licht: Corots Gemälde „Ville d'Avray“ (ca. 1825) ▪

Von Matthias Kampmann ▪ KARLSRUHE–Die einen nennen es Kanon, die anderen Klischee. Mit Blick auf Camille Corot heißt es, der Maler sei Vorläufer des Impressionismus – nicht mehr. Doch in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe belegen mehr als 180 Werke, dass diese Wertung nicht mehr haltbar ist. Die mit hochkarätigen Leihgaben aus den renommiertesten Häusern bestückte Ausstellung „Camille Corot. Natur und Traum“ belegt ferner, dass der Fachwelt bislang eine Menge entgangen ist.

Sicher, der am 17. Juli 1796 in Paris geborene und 1875 gestorbene Jean-Baptiste-Camille Corot war ein Pleinair-Maler. Gerade in seinem Spätwerk lösen sich die dargestellten Dinge geradezu in Farbe auf. Doch welche Differenz zu den späteren Wahrnehmungsfanatikern, wenn man auch die mythischen Gehalte berücksichtigt. Es ging Corot nicht um eine möglichst wahrnehmungstreue Wiedergabe des Sichtbaren.

Was alles ist er denn? Zunächst einmal ein wunderbarer Maler, den es zu entdecken sich lohnt. Er, der niemals eine Akademie besuchte, aber bei den Akademikern Achille-Etna Michellon und Jean-Victor Bertin lernte, verweigerte sich der Eindeutigkeit. Historien sind selten und wenn, dann immer auch mehr als nur das Bestreben, sie akademisch korrekt wiederzugeben. Corot ging zur Arbeit an die frische Luft. Bis 1825 entstanden bereits kleine, wunderbare Beispiele für seinen Blick aufs Unspektakuläre. Ein Gartentor mit zwei gemauerten Pfosten malte Corot 1822 bei Bois-Guillaume. Diese Rahmung gibt den Blick frei auf einen Horizont und ein Licht, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Drei Jahre später bereiste er Italien, wo er kleine Veduten malt. Oftmals mit Öl auf Papier, das dann auf Holz aufgezogen wurde. So sein kleiner „Rom. Blick aus dem Fenster“ von 1825. Experten haben herausgefunden, dass er meistens im Atelier nacharbeitete. Lange dominiert eine recht begrenzte Farbpalette. Es sind gerade die gegenstandsübergreifenden Farbzusammenhänge, die diese Bilder auszeichnen.

Eigentlich sollte er in die Fußstapfen der Eltern treten. Seine Mutter war eine gefeierte Modistin, die mit dem Vater einen erfolgreichen Modesalon betrieb. Camille lernte Tuchhändlerei, aber die Landschaft, Leinwand und Farben lockten. Als 1822 Corots jüngste Schwester starb, wurde das Erbe neu geordnet. Der Künstler erhielt eine Leibrente. Nicht viel, aber er konnte sich vollständig der Malerei widmen. Auf Erfolge musste Corot allerdings länger warten. Seine ersten Bilder, die er in den Salon einreichte, wurden missachtet. Es sollte bis ungefähr 1850 dauern, bis er der Gefragte und Gefeierte war, von dem jedermann ein Gemälde besitzen musste. Dann wurde er großzügig. Es geht das Gerücht um, er selbst habe bei einer Hand voll Fälschungen eigenhändig signiert, um armen Kopisten das Auskommen zu ermöglichen.

Die Schau widmet sich nicht ganz chronologisch der malerischen Entwicklung. Zu Beginn seiner ersten nachitalienischen Zeit in den Jahren nach 1829 sieht man sehr schön, wie er den Schatten zum Thema machte. Da probierte er, jetzt unter nördlicher Sonne, wie verschiedene Farben in größeren Dunkelzonen zu malen sind. Das alles lässt sich im Parcours sehr gut herausfinden. Wenn es passte, öffneten die Kuratoren Schnittstellen zu Vorläufern der Landschafterei wie zu Claude Lorrain, aber auch Nicolas Poussin. Im Spätwerk erfand er seine eigene Gattung von Landschaftsdarstellung: das emotionsgeladene „Souvenir“. Eine Landschaft voller Gefühl und aus der Erinnerung lebend. „Der Abendstern“ von 1864 oder die „Der See. Nachtstimmung“ von 1870 gehören dazu. Bisweilen reichert er die Bilder mit Mythen an. Außerdem wird sein Duktus immer gewagter. Es reichen wenige Tupfer, fast schon Hieben gleich, für die drei, vier Pappeln, die er 1872 malte.

Besonders spannend sind neben den Landschaften die Bildnisse. Einen Unbekannten malte er 1832, einen Bürger mitten aus dem Leben. Doch dieser Citoyen schaut so selbstbewusst, so wenig ideal, so authentisch den Betrachter an und offenbart ein vollkommen neues Selbstverständnis seines Standes. Später sind es dann in der Hauptsache mysteriöse Frauen. Die „Algerierin“ oder die „Frau mit Perle“, beide um 1870, schauen den Betrachter nicht an. Sie sehen in sich hinein, sind melancholisch, geheimnisvoll.

Camille  Corot. Natur und Traum in der Staatlichen Kunsthalle, Karlsruhe. Bis 6.1., di, mi, fr 10 – 18, do 10 – 21, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0721/ 926 26 96,

http://www.kunsthalle-karlsruhe.de

Katalog, Kehrer Verlag, Heidelberg, Berlin, 45 Euro

Quelle: wa.de

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