„Neue Welten“: Das Museum Folkwang ordnet seine Sammlung neu

Ein Raum der archetypischen Mythen: Im Museum Folkwang steht Rodins Skulptur „Eve“ (um 1881) vor Barnett Newmans Bild „Prometheus Bound“ (1952) und Max Beckmanns „Perseus-Triptychon“ (1941). Foto: Stiftel

Essen – Scheu wendet sich „Eva“ vom Betrachter weg, verbirgt ihre Brüste, sucht Schutz, wo keiner zu finden ist. Auguste Rodin zeigt in seiner lebensgroßen Bronze die Urmutter der Menschheit, die sich ihrer selbst bewusst ist, weil sie den Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen hat. Das um 1881 entstandene Meisterwerk steht am Anfang der Sammlungspräsentation im Essener Museum Folkwang.

Immer mal wieder ordnen große Museen ihre Sammlungen neu. Selbst die größten Meisterwerke können ein Publikum langweilen, wenn sie einfach nur, immer gleich, im Haus herumstehen und verstauben. Seit einem Jahr ist jetzt Peter Gorschlüter Direktor. Er wollte die Sammlung aktivieren und in neuen Zusammenhängen zeigen. Er hat ja einen unglaublichen Fundus von fast 400 000 Kunstwerken, darunter rund 900 Gemälde und 320 Plastiken aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert, aber auch archäologische und ethnologische Objekte, Fotos, Plakate. Wie lockt man damit ein junges, neugieriges Publikum?

Gorschlüter und sein Team entschieden sich gegen eine klassische Präsentation, etwa nach kunsthistorischen Prinzipien. Sie verteilten unter dem Titel „Neue Welten“ 578 Werke auf 24 thematisch gestaltete Räume. Da findet der treue Stammbesucher durchaus seine Favoriten. Aber nicht unbedingt alles von einem Liebling beieinander. Rodins Eva zum Beispiel steht in einem Raum, der um ein Gemälde von Barnett Newman inszeniert wurde, um das mehr als drei Meter hohe Werk „Prometheus Bound“ (1952, Der gefesselte Prometheus), eine fast schwarze Tafel mit einem schmalen weißen Streifen an ihrer Basis. Flankiert wird das Bild von Max Beckmanns Triptychon „Perseus“ (1941), in dem der Maler die Zerrüttungen des Krieges gleichsam in der Sage um den antiken Helden spiegelt: Gewalt, Zwang und Rausch. Auch die Schöpfungsgeschichte blitzt auf, die verführerische Schlange erscheint als steinerne Skulptur aus der Andenregion und auf dem Foto eines Natternkopfes von Albert Renger-Patzsch (1925). Über Epochen- und Mediengrenzen hinweg führt der Raum die Kunst in einen anregenden Dialog.

Jeder Raum ist nach einem Kunstwerk betitelt, einem sogenannten „Ankerwerk“, das den Ton vorgibt. Renoirs Gemälde „Lise – la femme à l‘ombrelle“ (1867) gehört zu den Hits des Folkwang-Museums, um sie herum hängen Freilichtszenen von Paul Gauguin, Otto Modersohn, Vincent van Gogh und anderen. Um Kenneth Nolands Gemälde „Scale“ (1966), ein auf der Spitze stehendes Rautenformat, gruppieren sich Meisterwerke der Abstraktion von Josef Albers, Frank Stella, Blinky Palermo. Wunderbar schlüsselt der Raum „Doppelbildnis“ Paarbeziehungen auf: In einer Doppelstatuette aus Altägypten ebenso wie in August Sanders Fotos von bäuerlichen Ehepaaren, in den Aktfotos, die Rijneke Dijkstra 1994 von Müttern und ihren Babys machte, und in Otto Muellers eindringlichem Gemälde einer ärmlichen polnischen Familie (1919). Rudolf Belling zeigt einmal Kain und Abel als wie ein siamesischer Zwilling untrennbar verwachsene Einheit, die doch mörderisch miteinander kämpft, zum anderen die Bronze „Erotik“, einen glitzernden, abstrakten geschlossenen Bogen, noch eine Einheit, aber eine voller Sinnlichkeit. In dem Raum um Otto Muellers Gemälde „Mascha mit Maske“ (1919/21) formen Irene Bayer-Hechts mysteriös ausgeleuchtetes Porträt des als Clown maskierten frühen Performance-Künstlers und Bauhäuslers Andor Weininger (1926-28), ein Selbstporträt der Fotografin Claude Cahun (1928), Alexej von Jawlenskys ikonenhaftes Gemälde „Abstrakter Kopf“ (1925), Picassos Gemälde „Frau in blauer Bluse“ (1942), eine japanische Theatermaske und viele weitere Werke zu einem berückenden Bilderfasching.

Dabei wagen die Kuratoren auch kräftige Pointen. In einem Raum kann man die Geschichte eines Plakats der Deutschen Bahn verfolgen, die 1966 mit dem Slogan warb: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Daneben hängt eine ebenfalls berühmte Persiflage von Jürgen Holtsträter, der 1968 statt eines durch den Schnee jagenden D-Zugs die Köpfe von Marx, Engels und Lenin zeigt. Und Klaus Staeck zeigt 1981 Manager der Rüstungsindustrie: „Alle reden vom Frieden. Wir nicht.“ Der Saal weitet den Blick mit August Mackes Gemälde „Frau mit Sonnenschirm vor Hutladen“ (1914), Andy Warhols Siebdrucken der Campbell Suppe, Charles Wilps Kampagne für Afri-Cola und Germaine Krulls Fotos von Pariser Plakaten zu einem Kunst-Streifzug durch die Konsumwelt.

Neuerwerbungen führen in die Probleme der Gegenwart: Samuel Gratacap fotografierte 2014 für seine Serie „Les naufragés“ (Die Schiffbrüchigen) Flüchtlinge in einem Lager in Libyen. Und Sven Johne kombiniert in seiner Installation „Anomalien des frühen 21. Jahrhunderts“ (2015/17) Fotografien von Prominenten mit fiktiven Lebensläufen und Zitaten, ein vieldeutiges Spiel mit „Fake News“.

Das Museum nimmt zudem die Herkunftsforschung in die Präsentation auf. Cézannes Gemälde „La carrière de Bibémus“ (um 1895) wurde 1907 von Karl Ernst Osthaus für das damals noch in Hagen ansässige Museum erworben. 1937 beschlagnahmten es die Nazis als „entartete Kunst“ und ließen es versteigern. So kam es vermutlich in die Hände des niederländischen Bankiers und Sammlers Franz Koenigs, der nach der Besetzung der Niederlande durch Deutschland in den Verdacht geriet, verfolgten Juden geholfen zu haben. Er kam 1941 unter ungeklärten Umständen ums Leben, seine Sammlung wurde zerstreut. Den Cézanne hatte das Museum Folkwang 1964 zurückbekommen. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass das Bild als Raubkunst zu betrachten ist.

So wird bei vielen Werken systematisch erkundet, ob sie vielleicht einen Unrechtshintergrund haben. Ein vierstufiges Farbsystem von grün für unbedenklich bis rot für eindeutig belastet macht den vorläufigen Stand der Erkenntnisse auch für die Besucher transparent.

Zur Eröffnung gibt es ein großes Sommerfest: 24 Stunden Non-Stop-Programm mit Führungen, Musik, DJs, Lesungen, Morgen-Yoga von Freitag, 18 Uhr, bis Samstagabend.

Di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0201/ 88 45 000

www.museum-folkwang.de

Buch zur Provenienzforschung, 5 Euro

Quelle: wa.de

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