Das neue Theater Paderborn eröffnet mit Kleists „Käthchen von Heilbronn“

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Hält das Käthchen (Christiane Paulick) in ihrem Traum: Graf vom Strahl (Stefan Roschy) in Paderborn. ▪

Von Achim Lettmann ▪ PADERBORN–Das bemerkenswerteste NRW-Kulturereignis fand am Wochenende nicht in Köln, Düsseldorf oder Essen statt. Es war in Paderborn, wo ein neues Theaterhaus im historischen Stadtkern eröffnet wurde. 28 Millionen Euro hat das Theater Paderborn Westfälische Kammerspiele gekostet. Stadt, Landkreis und Volksbank haben sich zusammengetan.

Eine Engelsgestalt mit weißen Flügeln und silbernem Haupt schreitet aus dem Bühnenbild in den Zuschauerraum – still, unverdrossen und magisch wirkt der erste dramaturgische Impuls im neuen Theaterhaus. Das Festpublikum hielt am Freitagabend kurz den Atem an und blickte dem Cherub nach, der für das Wunder in Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“ zuständig ist. Die Intendantin Merula Steinhardt-Unseld („Die Freude ist ungemein groß“) sprach vor der Inszenierung das Unverhoffte an. Ob es das Wunder bei Kleist ist, dass das Käthchen vor der Feuersbrunst rettet, oder die „Glücksmomente“, die das Paderborner Theaterteam in den letzten Monaten ereilte. In solchen Augenblicken ist ein anderer Zustand spürbar, bei dem in beiden Fällen der Zauber des Theaters wirkt. Darin liegt nun die Chance des neuen Hauses in Paderborn, wo die 54-jährige Tradition der Westfälischen Kammerspiele fortgeführt wird.

Regisseurin Maya Fanke betont mit Kleists „Käthchen von Heilbronn“ die milde Wucht des Unerklärlichen, die vor allem Liebe und Eintracht freisetzt. Christiane Paulick gelingt als Käthchen jener zauberhafte Selbstbehalt, der sie in jeder Szene zum emotionalen Fixpunkt werden lässt. Dabei entfernt sie sich nicht ins Irreale, sondern hält mit ihrem unbescholtenen Reiz Kontakt zur (Männer)Welt, wo vor allem Graf vom Strahl ihr schnell erliegt. Stefan Roschy gibt den Adeligen als ungestümen Ehrenmann, dem der Ernst und die Wut etwas einsilbig gerät. Dennoch polarisiert er mit Käthchen eine wechselvolle Lovestory, die von märchenhaften Figuren flankiert wird. Die Nebenbuhlerin lässt Birgit von Rönn hässlich entgleisen. Als Kunigunde bewegt sie einen Frauentypus mit gekünsteltem Liebreiz und dämonischer Härte. Den Zwiespalt, in dem die Zoffe der Giftmischerin steckt, kann Franziska Schlaghecke als Sittenschicksal des dienenden Standes antippen, eine Einsame. Die Rittersleut scheinen mit den tiefsitzenden Filzkappen dagegen einer Spielkiste entsprungen. Ihr finsteres Ansinnen gegen Graf vom Strahl entfaltet keine Dramatik. Es ist ein bisschen Komödie, ein Bubenstück, wenn sie beinah den Angriff auf Burg Thurneck vermasseln.

Regisseurin Fanke zeigt ganz kontrolliert die Stoffelemente aus Kleists romantischem Schauspiel. Mit der neuen Bühnentechnik werden vor allem Bildstrukturen entworfen, statt den tiefen Raum zu entwickeln. Julia Burde (Ausstattung) teilt das Spielfeld in Zonen, Burgwälle und Sehnsuchtsweiten – Wolken ziehen durch ein Dreieck. Der Hang zu geometrischen Formen hilft aber, das Wunderbare im „Käthchen von Heilbronn“ sinnlicher zu machen.

Beim „Ritterschauspiel“ in Paderborn werden die Standesregeln des Mittelalters im Halbdunkeln gelassen. Wolfgang Finck gibt den Kaiser als liebenswerten Patriarchen, der seinen Fehltritt in Heilbronn süffisant nachklingen lässt. Es menschelt. Auch wenn Vater Friedeborn die Angst um seine eigensinnige Tochter bewegt. Thomas Heller erscheint ehrbar und ein bisschen selbstgerecht. Auch Rosemarie Wohlbauer (Haushälterin) und Friederike Brüheim (Strahls Mutter) setzen mit solidem Sprechduktus die Motive der Erzählhandlung frei. Ein gelungener Start.

Die Festredner betonten einhellig, wie ungewöhnlich es sei, ein Theaterhaus in Krisenzeiten zu bauen. Für NRW-Ministerin Ute Schäfer (SPD) war es „ein bundesweit bedeutsames Ereignis“. Und für Bürgermeister Heinz Paus (CDU) zwischen Rathaus und Dom auch ein „städtebauliches Juwel“, das die Architekten Martin König, Paul Vedder (Paderborn) und Reinhold Daberto (München) planten.

In Zukunft

Das Paderborner Theater hat in der Spielzeit 2011/12 einen 4,4 Millionen Euro Etat. Auf drei Bühnen wird gespielt. Das Große Haus bietet 400 Sitzplätze. Festivals, Gastspielaustausch, Uraufführungen werden Theateralltag. Das Kinder- und Jugendtheater läuft ganzjährig. Bereits 2012 findet das KJ-Theatertreffen NRW in Paderborn statt. Im November ist die erste deutsch-chinesische Zusammenarbeit zu sehen: „Das weiße Zimmer“.

Das Käthchen von Heilbronn wird am 15., 16., 17., 22., 23. bis 25., 29., 30. September, 1. Oktober gespielt.

Tel. 05251 / 2881 100; www. kammerspiele-paderborn.de

Quelle: wa.de

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