Wie der neue „Tatort“ zu Dortmund passt

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Das neue „Tatort“-Team: Jörg Hartmann, Anna Schudt, Aylin Tezel und Stefan Konarske (von links). ▪

DORTMUND ▪ Die Stadt liebt ihn schon. Nur vier Stunden, dann waren die 1200 Karten verkauft für die Premiere des ersten ARD„Tatorts“ im Stadion des BVB. Es gab mächtig Beifall, und auch die Prominenz freute sich. Oberbürgermeister Ulrich Sierau stellte fest: „Ein ‚Tatort‘ adelt jede Stadt.“ Und er fürchte auch nicht, dass Dortmund schlecht aussehen könne. Polizeipräsident Norbert Wesseler hat das Team schon adoptiert: „Wir haben vier Kommissare“, sagte er, als gehe es nicht um Fernsehen. Von Ralf Stiftel

Dabei führt sich der Chef der Dortmunder Ermittler ausgesprochen schroff ein. Die ausgestreckte Hand des jungen Kollegen missachtet er, und vorstellen mag er sich auch nicht: „Sie haben mich gegoogelt, ich habe Ihre Personalakte studiert.“ Dafür geht er in der Wohnung des Ermordeten erst mal in die Küche und schnüffelt an allen Reinigungsmitteln. „Und so ein Sackgesicht wird unser neuer Chef“, flucht Daniel Kossik über Peter Faber.

Der Mann kommt aus Lübeck ins Revier, aber es ist eine Heimkehr. Gern stellt er sich aufs Dach seiner alten Schule und blickt über die Stadt. Aber er will nicht „den Sittich machen“, wie der Hausmeister befürchtet. Faber ist einer von vier, sicher zunächst der Interessanteste. Er fühlt sich in den Täter ein, so sehr, dass er „ich“ sagt: „Ich schlage zu.“ Er läuft in einer abgewetzten Jacke herum, isst kalte Ravioli direkt aus der Dose, schluckt Pillen gegen Depressionen. Mag sein, dass Schauspieler Jörg Hartmann zunächst gefremdelt hat mit dieser Figur. In der ersten Folge hat er sich diesen schrägen Typen sehr gut anverwandelt.

Daneben wirkt Anna Schudt als Martina Bönisch noch etwas blass. Eigentlich hätte sie die Leiterstelle übernehmen sollen. Sie arbeitet schon lange in der Mordkommission. Aber sie muss per Handy ihr Familienleben organisieren. Hinzu kommen die jungen Kommissare Kossik (Stefan Konarske) und Nora Dalay (Aylin Tezel), die eine Affäre haben.

Der WDR stellt das alte Format recht souverän neu auf. Der Sender setzt nicht auf vordergründigen Star-Appeal wie etwa der NDR mit Til Schweiger als Ermittler, sondern auf komplexe Geschichten, schnelle Schnitte und eine Auffrischung. Kommissare um die 30 sprechen glaubwürdig ein jüngeres Publikum an, und sie haben auch anders zu tun als den Wagen für den silberhaarigen Chef vorzufahren. Dies ist nicht das traditionelle Kumpel-Ermittler-Format, das man aus München, Berlin, Köln kennt. Und der Humor kommt auch nicht so verspielt daher wie bei Thiel und Boerne in Münster, so dass es leichter fallen wird, auch düstere Themen anzusprechen.

Die Mordfälle im Schwulenmilieu der ersten Folge „Alter Ego“ hätte man natürlich auch in einer anderen Stadt inszenieren können. Aber Dortmund spielt schon schön mit. Regisseur Thomas Jauch und Autor Jürgen Werner arbeiten die Orte und die Themen des Reviers ab. Wie in US-Serien gibt es als Zwischenschnitt den Blick auf den Wall mit Stadtbücherei und U, ein bisschen Metropolengefühl. Das Stadion mit schwarz-gelbem Torjubel ist da, der Phoenixsee mit dem Haus des alten Taubenvaters. Es geht um die Stahl-Vergangenheit (samt den Chinesen, die das Werk abbauten und abholten) ebenso wie um Hightech-Zukunft. Arbeitsplatz des Opfers war ein Robotik-Unternehmen, das der Film im Lünener Colani-Ei ansiedelt. Man fürchtet beinahe, dass für die weiteren Fälle kein Schauplatz übrig ist. Aber bei der Premiere erzählte Regisseur Jauch schon, dass man ihm angeboten habe, den Borsigplatz abzusperren. Es ist noch genug Dortmund übrig. Die neue Stadt bringt einen neuen Stil. Man darf sich darauf freuen.

Alter Ego wird am 23.9., 20.15 Uhr, im Ersten ausgestrahlt. Der zweite Fall, „Mein Revier“, folgt im November

Quelle: wa.de

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